Original in: Wolfram Pfreundschuh (Hg.): Kulturkritisches Lexikon (Internetveröffentlichung vom 2. Februar 2014). Letzte Aktualisierung am 11. Juni 2019. Kurz-URL: bit.do/psychopharmaka

Psychopharmaka – eine Übersicht über die Wirkstoffgruppen

Mit Psychopharmaka meint man diejenigen psychotropen, das heißt die Psyche beeinflussenden Substanzen, die psychische Veränderungen herbeiführen, wenn sie in den Körper einverleibt werden. Dies kann Schokolade sein, Alkohol, Heroin oder auch eine Substanz, die man unter einer medizinischen Indikationen als Medikament verwendet.

In der Humanmedizin (einschließlich Psychiatrie) kommen aus der Vielzahl der psychotropen Substanzen Vertreter aller Psychopharmakagruppen zum Einsatz:

  • Neuroleptika, z. B. Abilify, Dapotum, Haldol, Imap, Latuda, Leponex, Reagila, Rexulti, Risperdal, Seroquel, Zyprexa
  • Antidepressiva, z. B. Anafranil, Aurorix, Johanniskraut, Floxyfral, Fluctin, Insidon, Tofranil
  • Phasenprophylaktika / Stimmungsstabilisatoren: Lithium, Antiepileptika (wie z. B. Finlepsin, Tegretal, Timonil)
  • Tranquilizer, z. B. Halcion, Lexotanil, Librium, Ludiomil, Noveril, Rohypnol, Tavor, Valium
  • Psychostimulanzien, z. B. Attentin, Captagon, Focalin, Elvanse, Kokain, Ritalin, Strattera
  • Hypnotika (Beruhigungs- und Schlafmittel), z. B. Amytal, Antabus, Baldrian, Distraneurin, Heroin, Luminal, Opium
  • Halluzinogene / Rauschmittel wie z. B. Cannabis, LSD, Mescalin
  • Antiparkinsonmittel, z. B. Akineton, Amantadin, Artane, Parkopan, PK-Merz, Symmetrel

Im Zeitalter der Biochemie stehen im Zentrum der medizinisch-psychiatrischen Praxis naturgemäß Substanzen, die psychische Prozesse über eine Veränderung des Aktivitätszustands des Zentralnervensystems beeinflussen. Setzt man diese Substanzen mit medizinisch-psychiatrischen Überlegungen ein, spricht man von psychiatrischen Psychopharmaka – auch wenn der größte Anteil von Allgemeinmedizinern verordnet wird.

In der Tiermedizin werden psychiatrische Psychopharmaka ebenfalls eingesetzt, beispielsweise Antidepressiva zur Behandlung von tagsüber vom Herrchen alleingelassener und mit Trauer reagierender Hunde, oder Neuroleptika zur Ruhigstellung gefährlicher Tiere bei medizinischen Eingriffen.

Profitorientierte Pharmafirmen drängen verständlicherweise darauf, dass Mediziner synthetische Psychopharmaka einsetzen, an denen sich mehr verdient lässt. Natürliche Stoffe wie Baldrian oder Johanniskraut werden demzufolge in der modernen Medizin kaum verwendet.

Verschiedene psychiatrische Psychopharmaka können auch in der Körpermedizin als Medikamente verschrieben werden. Andererseits werden auch verschiedene Medikamente der Körpermedizin als psychiatrische Psychopharmaka eingesetzt, beispielsweise:

  • Anästhetika (Schmerzmittel) sind auch keine psychiatrischen Psychopharmaka, können jedoch als solche verordnet werden, beispielsweise Ketamin (Ketalar) und Esketamin (Ketanest) bei als behandlungsresistent geltenden Depressionen. In der Techno-Szene ist Ketamin aufgrund seiner bewusstseinsverändernden und halluzinogenen Wirkung als Partydroge beliebt. Ihr regelmäßiger Konsum kann Gedächtnisprobleme und Psychosen auslösen. Verbrecher setzen Ketamin auch als K.o.-Mittel ein.

  • Antiepileptika: Aufgrund ihrer dämpfenden Wirkung auf das Zentralnervensystem setzt man einige Antiepileptika auch als Stimmungsstabilisatoren / Phasenprophylaktika ein, weshalb sie zur Gruppe der psychiatrischen Psychopharmaka gerechnet werden können.

  • Antiparkinsonmittel (z. B. Akineton, Amantadin, Artane, Sormodren) sind keine Psychopharmaka, werden aber in Verbindung mit Neuroleptika gerne zur Kaschierung von Muskelstörungen oder zur Linderung akuter Muskelkrämpfe gegeben und können unerwünschte psychische Wirkungen haben (z. B Angst- und Unruhezustände, Halluzinationen und toxische Delire).

  • Antisympathotonika (blutdrucksenkende Mittel): Aus dieser Gruppe kann Guanfacin (Handelsname Intuniv) bei der Diagnose ADHS verordnet werden; es hat eine Vielzahl unerwünschter psychischer, zentral-nervöser, vegetativer, motorischer und Organwirkungen

  • Cannabinoide mit niedrigem Gehalt an THC (Tetrahydrocannabinol) – einer der Wirkstoffe von Marihuana / Haschisch / Cannabis / Hanf, das zur Substanzgruppe der Halluzinogene / Rauschmittel zählt – werden in der Humanmedizin (Psychiatrie inklusive) gelegentlich als Schmerz- und Beruhigungsmittel eingesetzt.

  • Hypnotika (Beruhigungs- und Schlafmittel) kommen in der Humanmedizin unter den vielfältigsten Indikationen zum Einsatz.

  • Psychostimulanzien sind Aufputsch- und Dopingmittel. In der Humanmedizin wird aus dieser Substanzgruppe meist Ritalin als psychiatrisches Psychopharmakon eingesetzt, und zwar unter der Indikation »ADHD« – »attention deficit hyperactivity disorder«, »Aufmerksamkeits- und Hyperaktivitätsstörung«). Synonyme Begriffe sind »hyperkinetisches Syndrom«, »MCD« – »minimale Hirn- bzw. cerebrale Dysfunktion«) oder »Zappelphilipp-Syndrom«). Ritalin hat eine den Amphetaminen vergleichbare Wirkung; aufgrund ihrer natürlichen, starken Sensibilität reagieren Kinder und Jugendliche in der Regel paradox, das heißt, sie werden in ihrer als übermäßig empfundenen Lebendigkeit gedämpft. Auch Erwachsenen mit der Diagnose »ADHD« verabreicht man Psychostimulanzien.

Literaturempfehlungen zu Psychopharmaka-Risiken, unerwünschten Wirkungen, zum Absetzen und zu Alternativen:

Peter Lehmann / Volkmar Aderhold / Marc Rufer / Josef Zehentbauer: Neue Antidepressiva, atypische Neuroleptika – Risiken, Placebo-Effekte, Niedrigdosierung und Alternativen

Peter Lehmann: Der chemische Knebel – Warum Psychiater Neuroleptika verabreichen

Peter Lehmann: Schöne neue Psychiatrie. Band 1: Wie Chemie und Strom auf Geist und Psyche wirken. Band 2: Wie Psychopharmaka den Körper verändern

Peter Lehmann (Hg.): Psychopharmaka absetzen – Erfolgreiches Absetzen von Neuroleptika, Antidepressiva, Phasenprophylaktika, Ritalin und Tranquilizern

Peter Lehmann / Peter Stastny (Hg.): Statt Psychiatrie 2

Josef Zehentbauer: Chemie für die Seele – Psyche, Psychopharmaka und alternative Heilmethoden