in: Wolfram Pfreundschuh (Hg.): Kulturkritisches Lexikon. Internetveröffentlichung vom 2. Februar 2014 / Letzte Aktualisierung am 27. Juni 2018

Psychopharmaka

Mit Psychopharmaka meint man diejenigen psychotropen, das heißt die Psyche beeinflussenden Substanzen, die psychische Veränderungen herbeiführen, wenn sie in den Körper einverleibt werden. Dies kann Schokolade sein, Alkohol, Heroin oder auch eine Substanz, die man unter einer medizinischen Indikationen als Medikament verwendet.

In der Humanmedizin (einschließlich Psychiatrie) kommen aus der Vielzahl der psychotropen Substanzen Vertreter aller Psychopharmakagruppen zum Einsatz:

  • Neuroleptika, z. B. Abilify, Dapotum, Haldol, Imap, Latuda, Leponex, Reagila, Risperdal, Seroquel, Zyprexa
  • Antidepressiva, z. B. Anafranil, Aurorix, Johanniskraut, Floxyfral, Fluctin, Insidon, Tofranil
  • Phasenprophylaktika / Stimmungsstabilisatoren: Lithium, Antiepileptika (wie z. B. Finlepsin, Tegretal, Timonil)
  • Tranquilizer, z. B. Halcion, Lexotanil, Librium, Ludiomil, Noveril, Rohypnol, Tavor, Valium
  • Psychostimulanzien, z. B. Attentin, Captagon, Focalin, Elvanse, Kokain, Ritalin, Strattera
  • Hypnotika (Beruhigungs- und Schlafmittel), z. B. Amytal, Antabus, Baldrian, Distraneurin, Heroin, Luminal, Opium
  • Halluzinogene / Rauschmittel wie z. B. Cannabis, LSD, Mescalin
  • Antiparkinsonmittel, z. B. Akineton, Amantadin, Artane, Parkopan, PK-Merz, Symmetrel

Im Zeitalter der Biochemie stehen im Zentrum der medizinisch-psychiatrischen Praxis naturgemäß Substanzen, die psychische Prozesse über eine Veränderung des Aktivitätszustands des Zentralnervensystems beeinflussen. Setzt man diese Substanzen mit medizinisch-psychiatrischen Überlegungen ein, spricht man von psychiatrischen Psychopharmaka – auch wenn der größte Anteil von Allgemeinmedizinern verordnet wird.

In der Tiermedizin werden psychiatrische Psychopharmaka ebenfalls eingesetzt, beispielsweise Antidepressiva zur Behandlung von tagsüber vom Herrchen alleingelassener und mit Trauer reagierender Hunde, oder Neuroleptika zur Ruhigstellung gefährlicher Tiere bei medizinischen Eingriffen.

Profitorientierte Pharmafirmen drängen verständlicherweise darauf, dass Mediziner synthetische Psychopharmaka einsetzen, an denen sich mehr verdient lässt. Natürliche Stoffe wie Baldrian oder Johanniskraut werden demzufolge in der modernen Medizin kaum verwendet.

Einzelne Gruppen von Medikamenten setzt man in der Medizin auch als psychiatrische Psychopharmaka ein, während einzelne Psychopharmaka außerhalb der Psychiatrie unter nichtpsychiatrischen Indikationen verschrieben werden:

  • Aufgrund ihrer dämpfenden Wirkung auf das Zentralnervensystem setzt man Antiepileptika auch als Stimmungsstabilisatoren / Phasenprophylaktika ein, weshalb sie zur Gruppe der psychiatrischen Psychopharmaka gerechnet werden können.
  • Psychostimulanzien sind Aufputsch- und Dopingmittel. In der Humanmedizin wird aus dieser Substanzgruppe meist Ritalin als psychiatrisches Psychopharmakon eingesetzt, und zwar unter der Indikation »ADHD« – »attention deficit hyperactivity disorder«, »Aufmerksamkeits- und Hyperaktivitätsstörung«). Synonyme Begriffe sind »hyperkinetisches Syndrom«, »MCD« – »minimale Hirn- bzw. cerebrale Dysfunktion«) oder »Zappelphilipp-Syndrom«). Ritalin hat eine den Amphetaminen vergleichbare Wirkung; aufgrund ihrer natürlichen, starken Sensibilität reagieren Kinder und Jugendliche in der Regel paradox, das heißt, sie werden in ihrer als übermäßig empfundenen Lebendigkeit gedämpft. Auch Erwachsenen mit der Diagnose »ADHD« gibt man Psychostimulanzien.
  • Einige Hypnotika (Beruhigungs- und Schlafmittel) kommen in der Humanmedizin unter den vielfältigsten Indikationen zum Einsatz.

  • THC, der Wirkstoff von Marihuana / Haschisch / Cannabis, das zur Substanzgruppe der Halluzinogene / Rauschmittel zählt, wird in der Humanmedizin gelegentlich als Schmerzmittel eingesetzt. Manche Psychiater wollen das Narkosemittel Ketamin, das wegen seiner halluzinogenen Wirkung auch als Partydroge beliebt ist, als Antidepressivum verwenden.
  • Mit Antiparkinsonmitteln kann man auch Neuroleptika-bedingte parkinsonoide Störungen unterdrücken. Antiparkinsonmittel sind nicht frei von psychischen Auswirkungen und können somit ebenfalls der Gruppe der psychiatrischen Psychopharmaka zugeschlagen werden – obwohl sie nicht mit dem Vorsatz verabreicht werden, die Psyche zu beeinflussen.

Literaturempfehlungen zu Psychopharmaka-Risiken, unerwünschten Wirkungen, zum Absetzen und zu Alternativen:

Peter Lehmann / Volkmar Aderhold / Marc Rufer / Josef Zehentbauer: Neue Antidepressiva, atypische Neuroleptika – Risiken, Placebo-Effekte, Niedrigdosierung und Alternativen

Peter Lehmann: Der chemische Knebel – Warum Psychiater Neuroleptika verabreichen

Peter Lehmann: Schöne neue Psychiatrie. Band 1: Wie Chemie und Strom auf Geist und Psyche wirken. Band 2: Wie Psychopharmaka den Körper verändern

Peter Lehmann (Hg.): Psychopharmaka absetzen – Erfolgreiches Absetzen von Neuroleptika, Antidepressiva, Phasenprophylaktika, Ritalin und Tranquilizern

Peter Lehmann / Peter Stastny (Hg.): Statt Psychiatrie 2

Josef Zehentbauer: Chemie für die Seele – Psyche, Psychopharmaka und alternative Heilmethoden