Will Hall

Jenseits der Psychiatrie – Stimmen und Visionen des Wahnsinns im Madness Radio

Will HallKartoniert, 370 Seiten, 14,8 x 21,7 x 2,2 cm, ISBN 978-3-910546-23-3. Berlin & Lancaster: Peter Lehmann Publishing 2023. € 24.90 · Preis in sFr · sofort lieferbar · In den Warenkorb   [oder Bestellung mit Formular – Best.Nr. 23]

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PfeilTriggerwarnung: Achtung, das Buch enthält Beschreibungen psychiatrischer Gewalt und kann für sensible Menschen belastend sein.

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Über das Buch

In Interviews und Essays lässt Will Hall, der Moderator des Madness Radio in Kalifornien, mehr als sechzig Expertinnen und Experten aus Erfahrung und Berufspraxis – von Laura Delano über Richard DeGrandpre, Jim Gottstein, Voyce Hendrix, Joanna Moncrieff und Peter Stastny bis hin zu Robert Whitaker – zu Wort kommen zu

  • persönlichen Erfahrungen mit Wahnsinn und extremen Bewusstseinszuständen,
  • diskriminierenden psychiatrischen Diagnosen,
  • ihrem Widerstand gegen krank- und verrücktmachende Lebensumstände,
  • wirksamer humanistischer Hilfe für Menschen in emotionalen Krisen und
  • der Zurückeroberung der Autorität über das eigene Leben.

Eine Buch für alle, die mit dem psychiatrischen System hadern und nach Inspiration und Ermutigung suchen. Übersetzung aus dem amerikanischen Englisch von Peter Lehmann.

Statt eines Geleitworts: Fragen an Will Hall

Peter Lehmann: Hallo Will, im Internet auf www.madnessradio.net kann man Daten über Madness Radio nachlesen. Dort steht, dass ihr Leute zu persönlichen Erfahrungen mit Wahnsinn und extremen Bewusstseinszuständen interviewt und Autorinnen und Autoren, Forscherinnen und Forscher zu Wort kommen lasst, die sich kritisch mit der Psychiatriepolitik, mit dem Werbe- und Verkaufsgebaren von Unternehmen und mit der institutionellen medizinischen Wissenschaft auseinandersetzen. Wer kam auf die Idee mit dem Madness Radio?

Will Hall: Ich war Mitbegründer eines lokalen Radiosenders in Northampton, Massachusetts, und als wir schließlich die Lizenz erhielten und mit dem Sendebetrieb begannen, war es naheliegend, eine Sendung mit dem Freedom Center zu machen, einer betroffenengeleiteten Organisation psychiatriekritischer Aktivistinnen und Aktivisten, die ich mitgegründet hatte. Madness Radio begann also als Radiosendung des Freedom Center.

PL: Gab es Vorbilder?

WH: Ich war fasziniert von Piratensendern und der Kraft der menschlichen Stimme in einem ausführlichen Interviewformat. Menschen zuzuhören, die ihre Geschichten erzählen, ist das Herzstück der Selbsthilfegruppenarbeit, die wir im Freedom Center gemacht haben.

PL: Nach welchen Kriterien hast du die Interviewpartnerinnen und Interviewpartner ausgewählt? Und hast du sie alleine ausgewählt?

WH: Ich lasse mich von Gästen inspirieren, von denen ich möchte, dass die Welt sie hört, von Stimmen, denen ich Gehör verschaffen und die ich verstärken will. Madness Radio ist eine Aufzeichnung meines eigenen Lernprozesses. Ich versuche immer, Gäste auszuwählen, von denen ich persönlich lernen möchte.

PL: Habt ihr die Fragen vorher abgesprochen?

WH: Ich folge meiner Neugier und meinem Interesse lieber spontan, während sich das Interview entwickelt, denn ich glaube, dies ist eine natürlichere Erkundung, die auch eine Vertiefung ermöglicht. Vorgegebene Fragen können das Gespräch verkünsteln.

PL: Habt ihr euch Auge in Auge gegenübergesessen, oder habt ihr per Telefon, Skype oder Zoom miteinander geredet?

WH: Am Anfang haben wir die Interviews im Sendestudio von WXOJ Valley Free Radio gemacht, später habe ich sie online geführt.

PL: Hast du auch Leute interviewt, die akut verrückt waren?

WH: Das ist Ansichtssache! Ja, viele der von mir interviewten Menschen hatten Dinge zu sagen, die ein Psychiater oder eine Psychiaterin als Wahnvorstellung, Psychose oder Krankheitssymptom bezeichnen würde.

PL: Wie schätzt du den Einfluss der Interviews auf die Betroffenenbewegung USA ein?

WH: Wenn ich unterwegs bin, ist die Resonanz positiv, und das ist es, was mich dazu bringt weiterzumachen. Das Buch, das auf den Interviews basiert, hat großartige Kritiken erhalten. Solange die Welt dies offenbar will und ich mich inspiriert fühle, werde ich weitermachen.

PL: Hast du negative Kritik auf das Buch bzw. die ausgestrahlten Interviews erhalten, und wenn ja, was wurde kritisiert?

WH: Die Hauptkritik ist, dass ich zu langsam mit neuen Sendungen bin! Im Durchschnitt mache ich alle sechs Wochen ein Interview. Außerdem gibt es natürlich immer Leute, die etwas anderes wollen. Manche wollen keine Leute hören, die ihr Leben zum Positiven verändert haben, während andere keine Leute hören wollen, die sich immer noch im Negativen gefangen fühlen. Manche wollen mehr Antipsychiatrie, manche weniger Antipsychiatrie. Ich freue mich über ein Feedback, und ich versuche auch, die Leute zu ermutigen, ihre eigene Radiosendung zu machen, wenn ihnen nicht gefällt, was sie hören. Die Politik in den USA ist massiv gespalten, und es ist immer leicht, jemanden zu tadeln, weil er oder sie nicht perfekt ist. Ich bin lieber unvollkommen und kreativ als perfekt und unkreativ.

PL: Was bräuchte es, um beispielsweise in Deutschland, in Österreich oder der Schweiz ein solches Radioprogramm auf die Beine zu stellen?

WH: Ganz einfach – Leute, mit denen man reden kann, hochwertige Mikrofone, die konzentrierte Aufmerksamkeit, um ganz genau zuzuhören, die Bereitschaft, die Aufnahmen sorgfältig zu bearbeiten, und dann eine Internetseite, auf der die Sendungen veröffentlicht werden. Das ist ganz einfach. Aber es erfordert stundenlange Geduld. Die Technik ist einfach und preiswert.

PL: Gibt es etwas, was du zum Abschluss noch sagen möchtest?

WH: Vielleicht fällt den Leuten auf, dass ich mich mehr auf die Gäste als auf mich selbst konzentriere! Auf eine seltsame Art und Weise wäre es sicherer, Gastgeber zu sein und sich zu verstecken. Ich versuche, mich offener und verletzlicher zu zeigen. Ich bin den Gästen zutiefst dankbar, dass sie mir vertrauen, das ist nicht selbstverständlich. Ich glaube auch, dass man sich berufen und inspiriert fühlen muss, um eine solche Arbeit zu machen. Ich bin dankbar, dass mich diese Vision und Inspiration über so viele Jahre und 200 Interviews begleitet hat!

Stimmen zum Buch

»Will Halls sanfte Klugheit scheint in dieser Sammlung verschiedenster intimer Interviews hindurch, und ›Jenseits der Psychiatrie‹ fügt unserem kollektiven Verständnis der Komplexität des menschlichen Leidens neue Chancen für Mitgefühl und Heilung hinzu.« (Yana Jacobs, Ehe- und Familientherapeutin, ehemalige Leiterin der Adult Mental Health Services im Santa Cruz County, Kalifornien, mittlerweile Senior Program Officer in der Foundation for Excellence in Mental Health Care)
»Es ist eine berauschende Herausforderung und ein großes Vergnügen, von Will Hall interviewt zu werden – ein äußerst weitreichend gebildeter und forschender Interviewer.« (Maxine Sheets-Johnstone, Dr. phil., Universität Oregon, Philosophische Fakultät, Autorin von »Phenomenology of Dance«)
»Ein intelligentes und zum Denken herausforderndes, seltenes Konzept... mit Stimmen, die es verdienen, gehört zu werden...« (Mary O'Hara, Kolumnistin von »The Guardian« und Autorin von »Austerity Bites: A journey to the sharp end of cuts in the UK«)
»›Jenseits der Psychiatrie‹ ist ein Buch, das man gelesen haben muss – nicht nur von Menschen, die im Gesundheitsbereich arbeiten, von Angehörigen und denjenigen, die extreme Bewusstseinszustände durchlebt haben, sondern von allen, die daran interessiert sind, eine gerechtere und einfühlsamere Welt zu gestalten. Halls lyrische, authentische Sprache, die den ganzen Text durchzieht, widerspricht kraftvoll der vorherrschenden Erzählung über psychische Krankheiten und macht Hoffnung auf eine transformative Veränderung in unserem Umgang mit emotionalem Stress.« (Alison Hillman, Open Society Foundation Human Rights Initiative, früher Programmleiterin von Disability Rights International, 2011 Beauftragte des Presidential Committee for People with Intellectual Disabilities)

»Dieses ungewöhnliche Buch wird sowohl für Therapeuten als auch für ›Patienten‹ etwas verändern. Interviews und Essays bestätigen das derzeitige Übergewicht von Psychopharmaka und psychiatrischen Kliniken, dämonisieren allerdings nicht ihre Wirkung. ›Jenseits der Psychiatrie‹ liest sich mit starker emotionaler Intensität: Wege, die geprägt sind von Zwang, Obdachlosigkeit und belastenden Familienkonflikten, aber auch von ungemeinem Triumph, Kreativität und Originalität.« (Stanley Siegel, Autor von »The Patient Who Cured His Therapist and Other Tales Of Therapy« und Herausgeber des Web-Magazins »Psychology tomorrow«)

Interviewte Personen sowie Autorinnen & Autoren der Essays

Cheryl Alexander, Alisha Ali, Linda Andre (†), Eddie Bartók-Baratta, Pat Bracken, David M. Burns (†), Paula J. Caplan (†), Monica Cassani, David Cohen, Oryx Cohen, Marykate Connor, Michael Cornwall, Sera Davidow, Richard DeGrandpre, Laura Delano, Jacqui Dillon, Sascha DuBrul, James B. Gottstein, Gary Greenberg, Mel Gunasena, Carina Håkansson, Will Hall, Leah Harris, Adi Hasanbašic, Voyce Hendrix, John Horgan, Lee Entel Hurter, Jay Joseph, Inez Kochius, Terry A. Kupers, Christopher Lane, Kalle Lasn, Bruce E. Levine, Paul Levy, Eleanor Longden, Krista MacKinnon, Daniel Mackler, Bonfire Madigan Shive, Rufus May, Ruta Mazelis, Susan McKeown, Jacks McNamara, Miguel Mendías, Jonathan M. Metzl, Arnold Mindell, Joanna Moncrieff, Philip Morgan (†), Steven Morgan, Matthew Morrissey, Ari Ne’eman, Mary Olson, Ilya Parizhsky, John Rice, Louis Sass, Clare Shaw, Caty Simon, Peter Stastny, Stan Tomandl, Dina Tyler, David Edward Walker, Ethan Watters, David Webb (†), Jenny Westberg, Robert Whitaker & Tim Wise

Der Autor

Will Hall, Master of Arts (mit Abschluss in Jungianischer Therapie) und Dipl.-Projektmanager, ist Therapeut, Trainer (im Umgang mit psychiatrischen Problemen), Autor und Organisator gegenseitiger Hilfe und stärkerer sozialer Antworten auf soziale Bedürfnisse außerhalb von Bürokratie und Marktplätzen. Er war in der Anti-Apartheid-Bewegung der Universität von Kalifornien aktiv und arbeitete später für das Santa Cruz Resource Center for Nonviolence und das Earth Island Institute. In seinen Zwanzigern wurde er in San Francisco zwangspsychiatrisiert und während seiner Zeit in der geschlossenen Abteilung des Langley Porter Psychiatric Institute diagnostizierte man bei ihm eine schizoaffektive Störung und erklärte ihn zum Behinderten. Er wurde zu einem führenden Organisator der Psychiatriebetroffenenbewegung (unter anderem als Moderator von Madness Radio, Mitbegründer des Freedom Center und von Portland Hearing Voices sowie als Mitkoordinator des Ikarus-Projekts). Und er ist Autor des in 15 Sprachen übersetzten »Harm Reduction Guide to Coming Off Psychiatric Drugs«. Für seine Arbeit wurde Will mit dem Judi Chamberlin Advocacy Award, dem Portland Oregon Open Minds Award und dem Stavros Center for Independent Living Disability Advocacy Award ausgezeichnet.

»Als ich aufwuchs, wollte ich Zauberer werden. Dann wollte ich Biologe werden, dann wollte ich Psychologe werden, dann wollte ich Organisator gegenseitiger Hilfe werden, dann wollte ich Philosoph werden. Heute bin ich von alledem ein bisschen.« (Will Hall im Interview mit der Zeitung Portland Mercury)