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Uta Wehde
Das Weglaufhaus – Zufluchtsort für Psychiatrie-Betroffene


Einleitung

»Die Anstalt ist ein Knast! Sie hat Gitter, kugelsicheres Glas. Man kommt nicht 'raus, die Tür ist verschlossen, es gibt immer noch eine Tür dahinter. Man kommt in eine Anstalt, und den ersten Tag sagen sie zu dir ›Schau dich mal um‹, und den zweiten Tag Spritze!«
»Ich musste im Isolierstuhl sitzen. Die Hände werden festgebunden und die Füße werden festgebunden und um den Bauch auch. Du kannst nichts bewegen, nur sitzen! Sitzen! Sitzen!«

Dies sind Berichte von Psychiatrie-Betroffenen aus den Niederlanden, mit denen ich gesprochen habe. Sie sahen nur einen Weg, sich den in psychiatrischen Anstalten stattfindenden Menschenrechtsverletzungen wie Zwangsbehandlung mit Psychopharmaka, Elektroschocks, Isolierzellen und anderen Demütigungen zu entziehen: Weglaufen. Im Unterschied zur Bundesrepublik Deutschland, Österreich und der Schweiz gibt es für die Weggelaufenen in den Niederlanden einen Zufluchtsort: das Weglaufhaus. Vergleichbar mit den Frauenhäusern entstanden Ende der siebziger Jahre in allen größeren Städten der Niederlande Weglaufhäuser, in denen Psychiatrie-Betroffene Schutz und Aufnahme finden.

In Berlin setzt sich der Verein zum Schutz vor psychiatrischer Gewalt e.V. für die Einrichtung des ersten deutschen Weglaufhauses ein; im Verein arbeite ich seit 1987 mit. Weil wir im Zusammenhang mit der konzeptionellen Gestaltung des Berliner Weglaufhauses Interesse an detaillierten Informationen hatten, entschied ich mich, meine Diplomarbeit den holländischen Weglaufhäusern zu widmen. Aufgrund des mir zur Verfügung stehenden Zeitkontingents, das es mir nicht ermöglicht hätte, mehrere Weglaufhäuser zu erkunden, entschied ich weiterhin, mich auf ein Weglaufhaus zu beschränken und dieses mit dem Einsatz von qualitativen Forschungsmethoden möglichst detailliert und umfassend zu beschreiben. Meine Wahl fiel auf das Weglaufhaus in Utrecht. Mit diesem Buch liegt den LeserInnen eine völlig überarbeitete, wesentlich erweiterte und aktualisierte Fassung meiner Diplomarbeit vor, die ich am Psychologischen Institut der Technischen Universität Berlin geschrieben habe.

Den LeserInnen möchte ich kurz etwas zu meiner allgemeinen Motivation sagen, mich im Bereich Antipsychiatrie zu engagieren. Nach dem Selbstmord meines ältesten Bruders während psychiatrischer Behandlung entwickelte ich sehr früh eine kritische Haltung gegenüber der Psychiatrie und den psychiatrischen Praktiken; ich begab mich auf die Suche nach Alternativen zur Psychiatrie. Durch einen Artikel in der Berliner Zeitschrift von Psychiatrie-Überlebenden ›Die Irren-Offensive‹ (Projekt Weglaufhaus, 1987), bin ich zur Weglaufhaus-Projektgruppe gestoßen, die 1989 den Verein zum Schutz vor psychiatrischer Gewalt e.V. gegründet hat.

Mit meiner Arbeit verfolge ich zwei Ziele. Das erste hat einen direkten praktischen Bezug und besteht darin, dass wir als Planungsgruppe des Weglaufhauses in Berlin die Informationen über das Weglaufhaus in Utrecht benutzen, um Programmteile, die sich bewährt haben, zu übernehmen, um für Problembereiche sensibilisiert zu werden und um zu erfahren, welche Fehler wir vermeiden sollten. Dieser praxisbezogene Nutzen hat teilweise dadurch, dass vorläufige Ergebnisse aus den Niederlanden in unsere Diskussion einflossen, schon stattgefunden. Unabhängig davon wünsche ich mir, als zweites Ziel, durch mein Buch dazu beizutragen, dass sich langfristig das psychosoziale System verändert und endlich den Bedürfnissen der Betroffenen entsprechende Angebote geschaffen werden. Im Vergleich zu anderen Ländern mangelt es gerade in der Bundesrepublik Deutschland, Österreich und der Schweiz an alternativen Institutionen zur Psychiatrie bzw. an einer Innovationsfreude sowie der Bereitschaft, überhaupt etwas Neues auszuprobieren und auch finanziell zu unterstützen. In anderen Ländern wie den USA, England, Schweden, Niederlanden hat es diese Innovationsfreude gegeben, die dazu führte, dass – neben der Psychiatrie – aufgrund der Initiative von Psychiatrie-Betroffenen oder fortschrittlichen Professionellen eine Vielfalt an alternativen Projekten ins Leben gerufen wurde. Dadurch konnten konkrete Erfahrungen in der Praxis mit einer anderen Form von Hilfe für die Betroffenen gemacht werden, die, auch wenn die Projekte heute teilweise nicht mehr existieren, den Betroffenen echte Unterstützung gegeben haben und außerdem sehr wichtige Diskussionsbeiträge liefern. Es wäre wünschenswert, wenn endlich auch wir beginnen, konkrete Erfahrungen zu sammeln, wenn der Mut und die Bereitschaft zunehmen, alternative Institutionen ins Leben zu rufen.

Das geplante Weglaufhaus in Berlin stellt nur eine mögliche Alternative dar, die sicherlich nicht für alle Betroffenen das richtige sein wird; es gäbe noch eine Vielzahl von anderen Möglichkeiten, Menschen mit sozialen, juristischen und psychischen Problemen zu unterstützen. Bei unseren Auseinandersetzungen mit dem Berliner Senat sind wir des öfteren mit dem Argument konfrontiert worden, die Psychiatrie müsse verbessert werden, darin läge der richtige Ansatzpunkt und nicht in der Schaffung von alternativen Institutionen. Ich bin demgegenüber der Ansicht, dass grundlegende, qualitative Veränderungen in positiver Weise in den psychiatrischen Anstalten nicht stattfinden werden eher in negativer Richtung: Auf der Konferenz der WHO (Weltgesundheitsorganisation) »Changing Mental Health Care In The Cities Of Europe« im April 1991 in Amsterdam klagten die TeilnehmerInnen der Veranstaltung »Patient's Movement And Changing Mental Health Care«, insbesondere Karl Bach Jensen (Dänemark), Peter Lehmann (BRD) und Joop Dekker (Niederlande), einmütig eine drastische Verschlechterung der Situation Psychiatriebetroffener an. Diese dienten verstärkt als Ausbeutungsobjekte für Pharmamultis, für arbeitssuchende PsychiaterInnen, MedizinerInnen, SozialwissenschaftlerInnen, Behindertenwerkstätten etc. Gerade die Ausweitung der Psychiatrie in Form der Kontaktbereichspsychiatrie (Gemeinde-, kommunale Psychiatrie) lasse die meisten Betroffenen kaum noch einen Ausweg aus der Drehtürpsychiatrie finden (Dekker et al., 1991).

Betroffene laufen heute weg und werden auch morgen vor psychiatrischer Gewalt fliehen. Abgesehen davon, dass Psychiatrie-Betroffene sie dringend brauchen, sind externe, alternative Projekte wichtig, um zu sehen, was wie anders gemacht werden kann, welche Voraussetzungen für eine alternative Hilfe notwendig sind und dass diese Erfahrungen als Katalysatoren für Veränderungen in der psychosozialen ›Versorgung‹ insgesamt wirken werden. Deshalb brauchen wir solche Projekte.

Im ersten Teil des Buches gelangen wir durch das Nachzeichnen der Diskussionen um das medizinische Krankheitsmodell, um die psychiatrischen Behandlungsmethoden und um die Problematik totaler Institutionen zu einer Definition von echten alternativen Einrichtungen. Was bedeutet alternativ? Welche Kriterien muss eine Institution erfüllen, damit wir von echter Hilfe sprechen können? Die Entwicklung dieser Kriterien erfolgt über Aussagen und Ansichten, die Betroffene in Büchern und Zeitschriften veröffentlicht haben.

An dieser Stelle möchte ich einen wichtigen Hinweis geben: Ich werde in meiner Arbeit vereinfachend von den Betroffenen und von den Bedürfnissen der Betroffenen sprechen. Ich meine die Psychiatrie-Betroffenen, deren Werte sich an Menschenrechten orientieren wie dem Recht auf Selbstbestimmung und dem Recht auf körperliche Unversehrtheit. Darüber hinaus gibt es sicherlich Betroffene, die andere Werte vertreten und andere Bedürfnisse favorisieren. Mit den ExpertInnen meine ich Personen, die auch als Professionelle bezeichnet werden und eine spezifische Berufsausbildung im helfenden Bereich abgeschlossen haben.

Außerdem verwende ich den ›Nutzer‹-Begriff, der einige Probleme aufwirft. Zum einen bezeichnen sich sehr unterschiedliche Gruppen/Menschen als ›NutzerInnen‹ bzw. werden bezeichnet. Das Spektrum an Bedeutungen ist sehr weit und umfasst sowohl Begriffe wie Psychiatrie-Überlebende, Psychiatrie-Betroffene als auch KlientInnen und PatientInnen. Zum anderen verschleiert der ›Nutzer‹-Begriff reale Zwangs- und Gewaltverhältnisse. Er suggeriert die Existenz einer heilen Welt, die aus AnbieterInnen und ›freien NutzerInnen‹ besteht. In der Regel ziehen die angeblichen ›NutzerInnen‹ aber weder einen Nutzen aus den Angeboten, noch können sie diese frei auswählen. An und für sich ist es zynisch, Menschen, die gegen ihren Willen in eine psychiatrische Anstalt gesteckt und mit Psychopharmaka und Elektroschocks behandelt werden, als ›NutzerInnen‹ zu bezeichnen. Dennoch verwenden auch Psychiatrie-Betroffene, insbesondere auf der europäischen Ebene, den ›Nutzer‹-Begriff, da bisher, mit Ausnahme des Begriffs von den Überlebenden, kein praktikabler Begriff entwickelt wurde. Dieser jedoch lehnt sich, uneingeführt, zu unvermittelt an den Begriff der KZ-Überlebenden an. Für meine Verwendung des ›Nutzer‹-Begriffs ist die Tatsache ausschlaggebend, dass er, in englischer Übersetzung als ›User‹, bei der Gründung des European Network of Users and User-Controlled Organisations of Psychiatry in Zandvoort im Oktober 1991 ebenfalls verwendet wird.

Die BetreiberInnen dieses internationalen Netzwerks schränken ein, dass, solange sie keinen anderen Begriff finden, der sich für eine breite und starke Organisation und für internationale Kontakte eignet, »... wir diesen Begriff gebrauchen werden, jedoch im Gedächtnis behalten, dass ihn eine Reihe von Menschen als Beleidigung empfinden, als eine Verharmlosung der psychiatrischen Bedrohung, als eine Verharmlosung ihrer persönlichen psychischen Leiden oder als Nachplappern der psychiatrischen Ideologie, wenn sie nicht mit dem ihrer Meinung nach korrekten Begriff angesprochen werden. Deshalb sind alle gebeten, uns nicht durch eine unsensible Verwendung des ›Nutzer‹-Begriffs zu verletzen, in unseren Nächsten nicht die (Ex-)›User‹ zu sehen, sondern die menschlichen Wesen mit ihrer persönlichen Lebensgeschichten. Wir sollten den Begriff ›Nutzer‹ kursiv oder in Anführungsstrichen schreiben.« Diese Problematik sollte beim Lesen bedacht werden.

Was den Begriff ver-rückt oder Ver-rücktheit betrifft, so sehe ich ihn nicht als Diskriminierung, sondern möchte mit dem Wortsinn des Wegbewegens die Entfernung von der herrschenden Normalität betonen. Dies bedeutet weder eine Glorifizierung der Ver-rücktheit noch deren Abwertung als Störung. Die akute Ver-rücktheit kann in zugespitzter Normalität oder chronischer Ver-rücktheit enden, ebenso aber eine Phase auf dem Weg zum Abwerfen innerer und äußerer Zwänge darstellen.

Da es sich beim Weglaufhaus um eine »rehabilitative« Einrichtung handelt, findet sich außerdem im ersten Teil meines Buches eine Übersicht und Kritik der traditionellen »Rehabilitationsmaßnahmen«. Als einen neuen Weg und als Beispiel für eine andere Form der Hilfe stelle ich trotz einiger problematischer Aspekte ausführlich das kalifornische Soteria-Projekt dar.
Für ein besseres Verständnis des Hintergrunds der holländischen Weglaufhäuser beschreibe ich im zweiten Teil des Buches kurz das psychosoziale System in den Niederlanden und mache die LeserInnen mit der Geschichte des Weglaufhauses Utrecht bekannt. Im dritten und vierten Teil folgen die heutige Realität des Weglaufhauses und meine Schlussfolgerungen für anti- und nichtpsychiatrische Projekte generell und die Einrichtung neuer Weglaufhäuser im besonderen. Im fünften Teil, dem Anhang, finden die LeserInnen wesentliche Informationen zur Geschichte und zur Konzeption des Berliner Weglaufhauses.

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