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Karl Koehler
Gumpelmann – Eine psychiatrische Groteske


Rezensionen

Wolf Buchwald, BVVP-Magazin (Zeitschrift des Bundesverbands der Vertragspsychotherapeuten e.V.), 4. Jg. (2005), Nr. 1, S. 38

»... es ist nahezu unmöglich, Psychiater und gleichzeitig ein anständiger Mensch zu sein« schreibt eine Patientin an den Leiter der (fiktiven) Mandelburger Klinik. Diesen Satz belegt Koehler in seinem Buch ausgiebig und genüßlich. Die Lektüre macht gleichzeitig ungeheuren Spaß und furchtbar wütend. Der Leser wird, hoffentlich, diesem unglaublichen Pandämonium durchgeknallter Psychiater und Psychologen nie ausgeliefert sein. In der Mandelburger Leitungsebene regieren Karrieregeilheit, Drogensucht, Sexbesessenheit und die unheilvollsten gegenseitigen Abhängigkeiten. Die Patienten bleiben in diesem Getriebe unbedeutende Schachfiguren, unterworfen einer nie durchschaubaren Willkür der Ärzte.

Besonders spannend macht dieses Buch die Tatsache, daß mit Koehler ein hervorragend informierter Insider über das gnadenlose psychiatrische Treiben schreibt. Der Leser kann also davon ausgehen, daß zwar einige Versatzstücke der Groteske fiktiv sein mögen, der größte Teil aber aus dem richtigen Leben gegriffen ist. Die Geschichte um die äußerst zweifelhafte Erprobung eines riskanten neuen Medikaments an unwissenden Patienten offenbart, daß es in der heutigen Psychiatrie nicht um das Wohl und Wehe der Patienten, sondern nur noch um Geld, Macht und persönliche Eitelkeiten geht.

Lesevergnügen und Entsetzen durchdringen sich gegenseitig. Ein böses, ein wichtiges Buch.


Vicky Pullen: Kritik der Pharmaindustrie mal witzig (in: Rundbrief des Bundesverbands Psychiatrie-Erfahrener, 2005, Nr. 1, S. 20)

Auf ein Buch wie dieses haben wir schon lange gewartet: unterhaltend, spannend wie ein Krimi und zugleich fachlich informativ. Auch wenn das Dargestellte kräftig überzogen wirkt, bekommt der Leser einen Einblick in die Welt der akademischen psychiatrischen Krankenhäuser und wird über Pharmastudien und die Pharmaindustrie informiert.

Der Autor beschreibt stets auf witzige Weise, wie der Chef seine Macht ausnutzt und wie die hierarchischen Verhältnisse sind. Immer wieder bereitet es Schwierigkeiten passende PatientInnen für die Studie des neuen Psychopharmakons »Oneirin« zu gewinnen, da nicht immer eine hundertprozentige Compliance besteht. Die PatientInnen haben leider manchmal Symptome, die doch eigentlich Ausschlusskriterien für die Studie sind.

Das Sexualleben der Hauptfiguren des Romans kommt nicht im Mindesten zu kurz. Ich vermute, der Autor wollte damit ausdrücken, dass Sexualität häufig benutzt wird, um Menschen – vor allem Frauen – zu kontrollieren, zu beherrschen und auszubeuten. Die Hauptbotschaft des Buches kommt meiner Ansicht nach klar durch: Professor Gumpelmann, der großen Respekt für Menschen mit der Diagnose Schizophrenie hat und an ihrem Wohlergehen interessiert ist, ist der Lichtblick des Buches – er verkörpert den Psychiater, der sich tatsächlich noch auf die PatientInnen einlässt. Als Gumpelmann sich entscheidet, zwei Monate früher in den Ruhestand zu gehen, schreibt er einen Abschiedsbrief an den Direktor – Dieser Brief ist für Psychiatrie-Erfahrene ein wahres Goldstück!

Die Haupthandlung des Romans ist die »Oneiron-Studie«. Wird es genug Probanden geben? Spuren die Ärzte? Wie verhalten sich die Probanden? Geht es um transparente oder geheime Forschung? Wird dabei das Selbstbestimmungsrecht der Teilnehmer beachtet? All diese Fragen halten die Spannung – der eigentliche Genuss aber liegt in den Zwischenzeilen und Zwischeninformationen. Ich will nicht zu viel verraten, nur so viel, dass wir dabei viel über Doo-Wop und das Verhalten von Mäusen erfahren. Wer Sinn für Humor hat, freut sich sehr über dieses Buch und wünscht sich, dass Karl Koehler bald ein neues schreiben möge.


Constance Dollwet, 2.2.2005

Der Leser erlebt hautnah mit, wie machtbesessen, korrupt und skrupellos die Psychiater einer deutschen Uniklinik sind und ihre Patienten als Versuchskaninchen für die Pharmaindustrie missbrauchen. Dem Autor, einem pensionierten Professor für Sozialpsychiatrie, ist ein spektakulärer Roman gelungen, gespickt mit deftigem Sex und beißendem Humor.


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Gumpelmann trifft den Nerv der Zeit, 7. Februar 2005. Rezensentin Hannelore Klafki aus Berlin: Es gibt eine Reihe belletristischer Werke, die sich kritisch mit der Psychiatrie auseinandersetzen und längst als Weltliteratur gelten: António Lobo Antunes, »Einblick in die Hölle«. Anton Cechov: »Krankenzimmer Nr. 6«. Janet Frame: »Ein Engel an meiner Tafel«. Friedrich Glauser: »Matto regiert«. Ken Kesey: »Einer flog über das Kuckucksnest«. Marge Piercy: »Frau am Abgrund der Zeit«. Samuel Shem: »Mount Misery«. Wer meint, ein einziges dieser Meisterwerke sei von Seiten der herrschenden Psychiatrie akzeptiert worden, ist ein Narr. Auch »Gumpelmann« wird es nicht anders gehen. Psychiatrisch Befangene werden ihm Einseitigkeit, Pauschalierung, Dogmatismus, Geltungssucht und was auch immer vorwerfen im Glauben, damit Literaturkritik zu üben. Mit seinem blendend formulierten und absolut spannenden Roman hat Koehler einen freiliegenden Nerv getroffen: die unheilvolle Verstrickung der Psychiatrie mit der Pharmaindustrie und den Herstellern von Elektroschockapparaten. Das Geheul der Getretenen wird – hoffentlich – noch lange anhalten, Gumpelmannseidank. Selbstständig Denkende und freie Geister aller Länder: lest dieses Buch, Lesevergnügen pur ist garantiert, dazu noch ein kleiner, aber feiner Einblick in eine ansonsten geschlossene (nicht so feine) Gesellschaft, die uns allen droht. (Hannelore Klafki, 7. Februar 2005)

Glückwunsch zu einem Meisterwerk!, 19. Dezember 2004. Rezensent leo5858 aus Karlsruhe: Karl Koehler schreibt äusserst witzig und plastisch, wie es (hoffentlich nicht) in unseren akademischen psychiatrischen Krankenhäusern zugeht. Da ich auch schon einmal in einem solchen gearbeitet habe, muss ich aber leider sagen, dass einiges vielleicht etwas überzogen ist, aber der Einfluss der Pharmaindustrie ist klar spürbar, und geht nicht immer zu gunsten der Patienten, mit den Studien werden Unsummen verdient, die Patienten werden nicht immer sorgfältig über Nebenwirkungen aufgeklärt und über Zweck und Ziel von Studien...und die Machtverhältnisse, wo diejenigen den Kürzeren ziehen, die wirklich an der Gesundung der Patienten interssiert sind, bestehen tatsächlich und sind treffend beschrieben. Koehlers "Professor Gumpelmann" möchte man am liebsten einbalsamieren, weil er der Sonnenschein unter den weiteren niederträchtigen, narzisstischen, käuflichen Charakteren ist. Für mich war dieser Roman unheimlich spannend, einer von der Sorte, den man am liebsten in einem Rutsch durchlesen möchte. Ich empfehle unbedingt jedem, ihn zu lesen! Auch Menschen, die noch keine Berührung mit Psychiatrie hatten!

Die deutsche Antwort auf "Mount Misery", 13. Dezember 2004. Rezensent aus Kakanien: Ich habe diesen Roman von Karl Koehler mit Hochgenuss gelesen, nein, verschlungen (meine Schwiegermutter auch - und wir haben wirklich einen sehr unterschiedlichen literarischen Geschmack!) ! Der Vergleich mit Samuel Shems "Mount Misery" draengt sich auf, aber um ehrlich zu sein ich finde "Gumpelmann" liest sich viel besser und beruehrt mehr als "Der Campus" von Schwanitz. Bei dem Roman geht es um den moralischen Verfall der deutschen Universtaetspsychiatrie, um die Macht der Psychiatriechefs und die unheilvolle Verflechtung zwischen Pharamindustrie und Psychiatrie. Es geht auch um eine aussterbende Rasse von Psychiatern an deutschen Universitaeten, wie den "Gumpelmann", der sich sich nicht in die Hierarchie einordnen will, dem das Wohl seiner Patienten mehr am Herzen liegt als seine Kariere. Ein Antipsychiatrie-Roman also? Finde ich nicht. Ein Roman der die jetzigen Zustaende der deutschen akademischen Psychiatrie auf's Korn nimmt. Witzig und bewegend. Viele Leser, die noch nie was mit Psychiatrie am Hut hatten, werden lachen und staunen und sollten vieles im Roman als Fiktion abtun..... um besser schlafen zu koennen. Die anderen sollten sich fragen, wie so was moeglich ist und welche patriarchalischen Macht-Stukturen dies zulassen. Ein wichtiger Roman!

Zum literarischen Stellenwert

Der Roman Gumpelmann stellt eine ziemlich geschlossene, paranoide Welt dar. Eine absurde Welt, in der mit Patienten nicht gerade zimperlich umgegangen wird, wenn es dem pathologischen Ehrgeiz einiger psychiatrischer Forscher dient, die zu allem bereit sind, um ihre Studien durchzuführen.

Während in einem Kultroman wie Hellers Catch 22 das Militär beispielsweise als Metapher für eine total verwaltete Welt, für ein geschlossenes System steht, das für sich in Anspruch nimmt, rational zu sein, aber tatsächlich nach völlig irrationalen Prinzipien operiert, fungiert eine Pharmastudie in Gumpelmann als Metapher für eine alles-verschlingen-wollende Psychiatrie, insbesondere die hyper-biologische Variante.

Ja, die wirklichen Eskapisten sind die Psychiater, die ins System der alles beherrschenden biologistischen Lehrmeinung flüchten, während sich die ihnen Ausgelieferten diesem System nur noch in ohnmächtigen Akten selbsterhaltenden Widerstands entziehen können.

Mit seinem Szenenwechsel, in dem sich Realsatire neben pseudowissenschaftlichen und pseudopornographischen Sequenzen rasch ablösen, stellt Gumpelmann eine komisch-groteske Attacke gegen die etablierten Formen sprachlichen und sozialen Verhaltens in den Stätten der psychiatrischen Forschung dar.

Genauso wie es Menschen gibt, die sich über die politisch inkorrekten Darstellungen in den Romanen von Thomas Pynchon und William Burroughs aufregen, wird es solche geben, die Einwände gegen die psychiatrische Inkorrektheit von Gumpelmann haben. In diesem Sinne leistet der Roman einen kleinen Beitrag zur langen Tradition einer subversiven Literatur.

Wahrscheinlich wird es einigen Lesern von Gumpelmann wie beim Lesen von Burroughs The Naked Lunch ergehen. Dessen in diesem Zusammenhang eiskalt grausam und komisch wirkende Härte und seine monströsen Figuren, darunter auch verbrecherische Ärzte, schockieren und desorientieren jeden Leser bisweilen völlig. Dennoch bleibt The Naked Lunch ein moralisches Buch. Burroughs will seinen Roman ausdrücklich als ein »Wort an die Klugen«, als eine Warnung verstanden wissen.

Trotz aller Aggressivität und Heftigkeit des Inhaltes übt Gumpelmann auch eine moralische Funktion aus. Das Eintauchen in den Schlamm, in das Verworfene und in die Niedertracht der nie endenden Abhängigkeiten, Machtspiele und sexuellen Hörigkeiten kann letzten Endes doch reinigend wirken.

In einem Zeitalter, in dem die Pharmaindustrie leichtes Spiel zu haben scheint, auch die Psychiatrie für ihre Vermarktungsstrategie einzuspannen, um eine weitere Medikalisierung der gesamten Gesellschaft herbeizuführen, wird Gumpelmann sehr bald seinen Platz als Deutschlands Antwort zum amerikanischen psychiatrischen Kultroman Mount Misery einnehmen.


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