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Uta Wehde
Das Weglaufhaus – Zufluchtsort für Psychiatrie-Betroffene


Vorwort

Weltweit wachen immer mehr Menschen auf und erkennen, dass die Psychiatrie ein grundsätzlicher Fehler ist. Menschliches Leiden zu beenden war niemals und ist auch nicht heute ein Anliegen der Psychiatrie; tatsächlich ist sie eine Hauptursache für dieses Leiden. Fast niemand, der einige Zeit in einer psychiatrischen Anstalt verbringen muss, will dort bleiben! Alle wollen weglaufen!

Menschenrechtsverletzungen und Unterdrückung können beendet werden. Jeder Versuch, den Menschen zu zerstören, kann abgewehrt werden – auch die Psychiatrie. Keine Form von Zwang und Kontrolle, ob unmittelbar oder verinnerlicht, kann ewig bestehen. In der DDR kam der erste Hoffnungsschimmer der Freiheit, als ein paar mutige Menschen tatsächlich wegliefen. Die Macht des Weglaufens ist immens. Uta Wehde zeigt uns, dass dies auch im Bereich der Psychiatrie möglich ist und dass die Mauern dieser maroden Institution ebenfalls eingerissen werden können.

Einige mutige Menschen sind in der Lage, aus psychiatrischen Anstalten wegzulaufen – aber wohin dann? Es ist wichtig, dass diese Menschen einen Ort haben, an dem sie Schutz und Zuflucht finden. Wie sollte dieser Ort aussehen? Welche Werte sollten sein Fundament bilden? Wie sollte dessen Position gegenüber der Psychiatrie sein? Die besondere Bedeutung von Uta Wehdes sorgfältig recherchiertem Buch ist, dass sie uns zum Nachdenken bringt, wie eine echte Alternative zur Psychiatrie beschaffen sein müsste.

Nachdem mein Buch »Emotional Tyranny and the Myth of Psychological Healing« (New York: Atheneum 1988; deutsche Übersetzung: »Die Abschaffung der Psychotherapie«, München: Bertelsmann 1991) erschienen war, kritisierten viele LeserInnen, dass ich keine konkrete Alternative zur Therapie lieferte. Meine Rechtfertigung war: Wenn etwas so grundsätzlich falsch ist wie die Psychiatrie, so ist es nicht notwendig, irgendwelche Alternativen anzubieten, denn alle Kraft und Energie muss sich vordringlich darauf konzentrieren, die bestehenden Probleme aufzuzeigen und zu benennen. Was ist die Alternative zur Frauenfeindlichkeit, zur Sklaverei oder zur Apartheid? Das vorrangige Ziel ist die Abschaffung dieser Übel, und wer weiß, welche wundervollen Dinge dann wachsen und erblühen können!

Ich fühlte trotzdem mehr und mehr, dass meine KritikerInnen einen zentralen Punkt getroffen hatten und dass etwas angeboten werden muss. Aus diesem Grund ist Uta Wehdes Buch so wichtig. Sie hat eine Alternative untersucht und ihren Verstand eingesetzt, um die in einem ausgewählten holländischen Weglaufhaus bestehenden Probleme im einzelnen zu analysieren. Unverblümt zieht sie ihr Resümee: »Abschließend komme ich zu dem Urteil, dass es sich bei dem Weglaufhaus in Utrecht um keine insgesamt erfolgreiche Institution handelt.« Sie folgert aber nicht, auf Alternativen generell zu verzichten, denn die Rückkehr zum Status quo ist noch weit gefährlicher als nahezu jede Alternative.

Uta Wehdes Hauptkritikpunkt am holländischen Weglaufhaus ist, dass dort keine klare Position zur Umgangsweise mit psychiatrischen Psychopharmaka existierte. Ihre Worte hierzu sind kraftvoll und vollständig überzeugend:

»Da die MitarbeiterInnen sich im allgemeinen durch eine kritische Haltung gegenüber ExpertInnen auszeichnen, bin ich sehr erstaunt, dass sie gerade dieses wichtige Thema – das Problem des Umgangs mit Psychopharmaka – ganz einfach wegschieben. Erschreckend ist der Mangel an Problembewusstsein in bezug auf den Einsatz von Psychopharmaka und das sehr fragmentarische Wissen über deren Wirkungsweise, Risiken und Schäden.«
Konsequent, beharrlich und voller Nachdruck konfrontiert sich uns mit diesem Missstand. Sie erzählt uns, dass sie von dem bahnbrechenden Buch von Peter Lehmann »Der chemische Knebel« beeinflusst ist, und hier stimme ich mit ihr vollkommen überein: Niemand, der dieses wichtige Buch ließt, kommt daran vorbei, jeden weiteren Einsatz von Neuroleptika entschieden abzulehnen. Psychiatrische Psychopharmaka sind eindeutig gefährlich, und in meinen Augen muss deren Vergabe nicht nur verhindert, sondern verboten werden! Hier trennen sich meine Wege von Thomas S. Szasz, der zu diesem Thema eine eher liberale Auffassung vertritt, und meint, Menschen sollten die Wahl haben. Ich denke demgegenüber, dass man nicht etwas ›frei‹ wählen kann, dessen einziger Effekt die Zerstörung der körperlichen und psychischen Integrität ist. Ich bin im allgemeinen mehr für die radikale Abschaffung als für die Reform.

Die Probleme im holländischen Weglaufhaus sehe ich als tieferliegend und ›systemisch‹ an: Die Menschen, die dort arbeiten, haben kein fundiertes theoretisches Verständnis von den grundlegenden Positionen der Antipsychiatrie Bewegung (in den USA ›Ex-mental-Patients' Liberation-Movement‹ genannt). Es ist wahr, wie Uta Wehde ausführt, dass allein schon die Existenz eines Weglaufhauses eine implizite Kritik an der traditionellen Psychiatrie darstellt. Aber auch ich denke, dass es nicht ausreicht, den Weggelaufenen eine Alternative nur in Form eines Zufluchtsortes anzubieten; ebenso wichtig ist es zu verstehen, wo sie gewesen sind, und welchen Behandlungen sie dort ausgesetzt waren. Um den Betroffenen mit Respekt zu begegnen, ist es notwendig zu begreifen, wie ihre Würde in psychiatrischen Anstalten mit Füßen getreten wurde.

Ein Grund für Uta Wehde, dieses Buch zu schreiben, ist die Hoffnung, dass bestimmte Fehler, die sie im holländischen Weglaufhaus beobachtete, beim Aufbau eines neuen Weglaufhauses vermieden werden können. Ich möchte gerne einige Überlegungen hinzufügen: Meiner Meinung muss jedes Weglaufhaus auch eine Wissensquelle sein, ein Ort an dem sie ihre psychiatrischen Erfahrungen auf und verarbeiten können. Es sollte daher mit einer guten antipsychiatrischen Bibliothek ausgestattet sein und vor allem sollten dort Menschen arbeiten, deren Herzen und Gedanken davon erfüllt sind, die Psychiatrie abzuschaffen. Dies kann in den meisten Fällen heißen, dass dort ausschließlich Psychiatrie-Betroffene tätig sind. Ein sehr guter Freund erzählte mir kürzlich: »Du kannst einfach keinem vollkommen vertrauen, der nicht dort war.« (Ich habe dies auch von Überlebenden der Konzentrationslager und Opfern sexuellen Missbrauchs gehört.) Als ehemaliger Analytiker muss ich dem Freund zustimmen, obwohl diese Erkenntnis für mich persönlich sehr schmerzvoll war. Ich kann schreiben, ich kann Vorträge halten, aber ich habe kein Recht, Menschen, die tatsächlich dort waren, zu erzählen, wie es für sie war. Darüber hinaus weiß ich aus eigener Erfahrung, dass das Innehaben einer Machtposition gefährlich ist, denn Macht korrumpiert! Am besten ist es, die Beteiligung an jeder Form von hierarchischen Strukturen zu verweigern. In dem holländischen Weglaufhaus gab es verschlossene Räume, zu denen nur die MitarbeiterInnen einen Schlüssel hatten. Dies ist ein politischer Fehler! Auch wenn Sie nicht mit dem übereinstimmen, was ich über die Menschen gesagt habe, die an einem solchen Ort arbeiten sollten (und die meisten Menschen in der Antipsychiatrie Bewegung in den USA sind der Ansicht, dass ich eine zu extreme Position vertrete), so sehen aber auch Sie sicher die Gefahr, wenn ›ExpertInnen‹ im Weglaufhaus arbeiten würden. Was sind letztendlich ›ExpertInnen‹? Es gibt keine ExpertInnen für das menschliche Wesen. Wir alle wissen, mehr oder weniger, wie alle anderen Menschen auch, Bescheid über Liebe und Trauer und Leid und Schmerz. Dies sind keine medizinischen Entitäten, und der Versuch, menschliches Leiden in psychiatrische Diagnosen zu zwingen, ist moralisch nicht zu verantworten.

Lassen Sie mich kurz ausführen, was meiner Ansicht nach in einem Weglaufhaus ausgeschlossen sein muss: Psychiatrische Begriffe, psychiatrische Gutachten, psychiatrische Psychopharmaka. Und jede Form von Zwang und Kontrolle. (Außerdem wäre es schön, wenn die BewohnerInnen kosten- und mietfrei im Weglaufhaus Zuflucht fänden.)

Ich nehme an, Uta Wehde stimmt mit allen diesen Voraussetzungen überein und würde, wie ich, noch einen Schritt weiter gehen. Einige Leute scheinen die Auffassung zu haben, dass ein Problem des holländischen Weglaufhauses darin besteht, dass dort keine Therapie angeboten wird. Ich halte dies für eine der wenigen Stärken des Weglaufhauses. Therapie, in jeder Form, ist zu eng mit der traditionellen Psychiatrie verknüpft, um die Einverleibung ihrer Irrtümer auszuschließen. Immer wenn ein therapeutisches Angebot gemacht wird, braucht man notwendigerweise ›TherapeutInnen‹ und diese müssen ausgebildet werden. Und wo und durch wen werden sie in der Regel ausgebildet? Durch PsychiaterInnen natürlich, in psychiatrischen bzw. vergleichbaren Institutionen. Auch wenn in einem Weglaufhaus keine psychiatrischen Psychopharmaka eingesetzt werden, bestünde bei einem psychotherapeutischen Angebot die Gefahr, dass es mehr und mehr zu dem Ort würde, den es eigentlich ersetzen wollte. Ich befürchte, das Weglaufhaus könnte sich in ein kleine psychiatrische Anstalt verwandeln.

Wir brauchen keine ›ExpertInnen‹, wir brauchen keine ›PatientInnen‹, wir brauchen keine ›Medikation‹, wir brauchen keine Groß- oder Klein-›Kliniken‹. Alles, was wir brauchen, ist Menschlichkeit und Solidarität, die aus der tiefen Einsicht in die Stärken und das Leiden eines anderen Menschen erwachsen und aus der Erkenntnis, dass wir, solange wir schweigen, zu MittäterInnen werden. Der einzige Ausweg ist die Erkenntnis unserer eigenen Verwicklungen.

Zu einer echten Alternative und Therapie gehört das Aufdecken von Unterdrückung, von Unrecht und von den vielen anderen Übeln unserer Zeit, und dies hat gleichzeitig eine heilsame Wirkung. Ich kann mir keine bessere Therapie denken, als die Unangemessenheit der Therapie selbst herauszuarbeiten. Ein politisches Bewusstsein zu entwickeln, indem man mit anderen Psychiatrie-Überlebenden gemeinsam politisch handelt, ist ein exzellenter Gegenpol zu Gefühlen von Ohnmacht, die die Psychiatrie bei ihren Opfern hervorruft. Aktiv zu werden und gegen die Psychiatrie (und anderes Unrecht) zu kämpfen, ist eine gute Alternative zur Hoffnungslosigkeit, die die Psychiatrie bei ›PatientInnen‹ bewirkt. Die eigene Geschichte aufzuschreiben, heißt, Menschen die Kehrseite der offiziellen Geschichte zu erzählen, auch wenn sie nur als Information für gute FreundInnen gedacht ist. (In den USA werden zunehmend mehr persönliche Berichte veröffentlicht.) Letztlich ist aktive Suche die beste Methode zur Aufdeckung der Wahrheit.

Die Bewegung gegen die Menschenrechtsverletzungen der Psychiatrie wächst ständig. Durch ältere Bücher wie beispielsweise »Zu viel Zorn, zu viele Tränen« von Janet und Paul Gotkin (Stuttgart: Radius 1977), Judi Chamberlins »On Our Own. Patient Controlled Alternatives To The Mental Health System«, das vor kurzem herausgegebene Buch der Feministin Kate Millett »The Loony Bin Trip« (New York: Simon and Schuster 1990; eine bewundernswert treffende Abrechnung mit psychiatrischer Zwangsbehandlung) und das bald erscheinende neue Buch von Peter R. Breggin »Toxic Psychiatry« als auch durch die bekannten Angriffe von Thomas S. Szasz, John Friedberg (»Shock Treatment Is Not Good For Your Brain«, San Francisco: Glide 1976), Leonard R. Frank (»The History Of Shock Treatment«, San Francisco: Selbstverlag 1978) und anderen (eingeschlossen mein Buch »Final Analysis: The Making And Unmaking Of A Psychoanalyst«, Reading: Addison Wesley 1990) hört die Öffentlichkeit endlich etwas über die ›andere Seite‹.

Uta Wehdes Buch ist ein sehr wichtiger Beitrag zu diesem immer stärker werdenden Drang nach Wahrheit.

Jeffrey M. Masson

Jeffrey Moussaieff Masson war Direktor des Sigmund-Freud-Archivs und Psychoanalytiker. Er ist der Autor von »Was hat man dir, du armes Kind, getan? Sigmund Freuds Unterdrückung der Verführungstheorie« (Reinbek: Rowohlt Taschenbuch 1986), »A Dark Science: Women, Sexuality, And Psychiatry In The 19th Century« (New York: Farrar, Straus and Giroux 1986), Herausgeber von: Sigmund Freud, »Briefe an Wilhelm Fließ. 1887-1904«, ungekürzte Ausgabe (Frankfurt am Main: S. Fischer 1986) und anderen Büchern. Er lebt in Berkeley/Kalifornien und ist keiner Weise psychotherapeutisch tätig (Stand: 1991).

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