Thomas Bock / Kristin Klapheck / Friederike Ruppelt
Sinnsuche und Genesung – Erfahrungen und Forschungen zum subjektiven Sinn von Psychosen

CoverGebunden, 320 Seiten, 16 x 24 cm, ISBN 978-3-88414-577-7. Köln: Psychiatrieverlag 2014. € 29.95 / Preis in sFr / sofort lieferbar In den Warenkorb oder Bestellung mit Formular
Über die Autorinnen und den Autor | Inhaltsverzeichnis | Einleitung | Rezension | Liefer- & Zahlungsbedingungen inkl. Widerrufsrecht
Buch über den Sinn von Psychosen und deren Bedeutung für die Entwicklung neuer Behandlungswege – unter Einbeziehung von Erfahrungsberichten trialogorientierter Betroffener und Angehöriger, die von Psychologen ausgewertet und interpretiert werden. Originalausgabe

Original-Verlagsinfo

Die Suche nach Sinn ist zutiefst menschlich. Gilt das auch für seelische Ausnahmezustände? Auch für Psychosen? Welchen Stellenwert hat die Sinnsuche im Recoveryprozess? Mit welcher Konsequenz für Therapie, Pflege, Genesungsbegleitung?

Dieses Buch nimmt den subjektiven Sinn von Psychosen und anderen psychischen Störungen, wie Depression, Manie und Trauma in den Fokus. Berichte von Erfahrenen und Angehörigen ergänzen die Schilderung von Psychotherapeuten aller Couleur und innovativen Institutionen.

Den roten Faden liefern die Studien des Hamburger SuSi-Projekts, einer trialogischen Forschungsgruppe der UKE zur Bedeutung des subjektiven Sinns. Die Ergebnisse sind richtungsweisend für neue therapeutische Behandlungswege. Mit empirischen Belegen des Zusammenhangs von Besinnung und Genesung, einem klaren Auftrag an biographisch orientierte Psychotherapie und ersten Nachweisen der Wirksamkeit von Psychoseseminaren.

Über die Autorinnen und den Autor

Prof. Dr. Thomas Bock ist Dipl.-Psychologe und leitet die Spezialambulanz für Psychosen und Bipolare Störungen sowie die Krisentagesklinik des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf. Zusammen mit Dorothea Buck hat er die Psychose-Seminare erfunden.

Kristin Klapheck ist Diplom-Psychologin am Therapiezentrum Psychose und Sucht.

Friederike Ruppelt ist Psychologin und wissenschaftliche Mitarbeiterin am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf..

Weitere Publikationen von Thomas Bock und mit Beiträgen von ihm im Antipsychiatrieversand: Vom Erfahrenen zum Experten – Wie Peers die Psychiatrie verändern · Eigensinn und Psychose – "Noncompliance" als Chance · EX-IN Kulturlandschaften – 12 Gespräche zur Frage: Wie gelingt Inklusion? · Achterbahn der Gefühle – Mit Manie und Depression leben lernen · Pro Mente Sana Aktuell: Schizophrenie und Psychose  ·  40 Jahre Psychiatrie-Enquete – Blick zurück nach vorn

Rezension

Jahrzehnte nachdem unabhängige Psychiatriebetroffene sich mit dem Sinn von Psychosen auseinanderzusetzen begonnen haben, haben nun psychosozial Professionelle das Thema entdeckt. Das ist schön. Schöner wäre natürlich, wenn diese nicht so täten, als hätten sie es erfunden, sondern sich mit der vorliegenden Literatur auseinandersetzen. Mit »Suche nach dem Sinn des Wahnsinns, Selbstfindung und Selbstbefreiung« war beispielsweise schon 1983 ein Kapitel in Tina Stöckles Buch »Die Irren-Offensive – Erfahrungen einer Selbsthilfe-Organisation von Psychiatrie-Überlebenden« überschrieben. »Der Sinn meiner Psychose – Zwanzig Frauen und Männer berichten« lautet ein von Hartwig Hansen 30 Jahre später herausgegebenes Buch. In diesen beiden Büchern interpretieren die Betroffenen ihre Psychosen und sonstigen Verrücktheitszustände selbst.
Das vorliegende Buch, herausgegeben von Thomas Bock und zwei jungen Psychologinnen, handelt vom sogenannten SuSi-Projekt. Dieses Hamburger Projekt zum subjektiven Sinn von Psychosen habe »... sich zur Aufgabe gemacht, Subjektivität empirisch erfahrbar zu machen und die im Trialog erlebbare Bedeutung der subjektiven Sinngebung bei psychischen Krisen auch in anderen Kontexten wissenschaftlich zu untersuchen.« Hier werden Betroffene mit ihrer Subjektivität der Interpretation unterzogen, sie werden zu Objekten degradiert. Schade, dass so von den HerausgeberInnen Lustlosigkeit produziert wird, sich das Buch genauer anzuschauen. Am liebsten möchte man es hinten ins Regal stellen und auf eine revidierte Neuauflage warten, in der unabhängige Psychiatriebetroffene einbezogen sind in den Entwurf, die Durchführung und die Auswertung der Studie.
Dadurch, dass Psychiatriebetroffene wieder nur beforscht werden, sie Objekt der Studie bleiben, wird jedoch das Subjekt-Objekt-Verhältnis zwischen ForscherInnen und Beforschten festgeschrieben, der Expertenmonolog fortgesetzt. Wenn sich die Auswahl der Beforschten willkürlich auf eine kleine Gruppe trialogbefürwortender Betroffener beschränkt und wenn deren Aussagen von Expertenseite interpretiert und damit notwendigerweise auch fehlinterpretiert werden, so steht die Gültigkeit der Aussagen des Buches von Anfang an im Zwielicht. Nicht unbegründet sah der Geschichtswissenschaftler Lutz Niethammer in seinen Reflexionen zu Zeitzeugenberichten (1980) die Gefahr, dass diejenigen, die von früheren gesellschaftlichen Machtverhältnissen als Objekte definiert wurden, durch solche Praktiken in ihrem Objektstatus belassen werden, anstatt dass es zur Rekonstruktion ihrer Subjektivität kommt. Die Geschichte der Herrschenden werde verlängert und Blindstellen der Subjektivität würden mit geschichtsphilosophischen Konstruktionen aufgefüllt, was die Erkenntnis der Wirklichkeit vorschnell verstelle; den Subjekten werde auf benevolente, das heißt wohlwollende Weise erneut Gewalt angetan.
Wohlwollend sind in der Tat die meisten Artikel, sehen wir ab von einer psychopharmakabefürwortenden Angehörigen, die die »Perspektive einer Mutter« wie eine Fackel hoch hält, als wolle sie für alle Mütter der Welt sprechen (dass andere Mütter eine andere Perspektive und Meinung als sie haben könnten, ist für sie kein Thema), und sich als allererstes daran macht, nach der Bedeutung der Suche nach dem Sinn einer Psychose zu fragen. »Ich glaube nicht, dass ein Sinn (kursiv im Original, P.L.) in dem Ausbruch der Krankheit meiner Tochter lag« schreibt sie. Der Wunsch, eine Erklärung für schlimme Dinge zu finden, die einem widerfahren, sei menschlich – in anderen Worten: psychologisch zu verstehen, aber nicht ernst zu nehmen. Man fragt sich, was solch ein Beitrag in dem Buch zu suchen hat.
Die SuSi-ProjektmitarbeiterInnen kommen zum Schluss, dass die TeilnehmerInnen ihrer Studie Psychosen in einem biografisch-sinnstiftenden Zusammenhang und teilweise als bereichernde Erfahrung sehen, wenn auch verbunden mit der Angst vor sozialem Abstieg. Dem subjektiven Sinnerleben der Betroffenen – man könnte besser sagen: ihren teilweise traumatischen Erfahrungen und Erlebnissen – Beachtung zu schenken und sich in der Therapie auf die wirklichen Probleme des einzelnen Menschen einzulassen..... Wenn das SuSi-Projekt hilft, dieser humanistischen Grundforderung näherzukommen, dann kann ich in der Hoffnung, dass zukünftig Betroffene wirksam beteiligt werden an Studien über sie selbst, erst mal mit dem Buch leben. (Die Hoffnung stirbt zuletzt.)
Kognitive Verhaltenstherapie erhalte geradezu den Auftrag, die Sinnsuche des Patienten zu unterstützen, schreiben die Psychologinnen Evelyn Gottwalz-Itten und Maike Hartmann in ihrem lobenswerten Beitrag, und diese Forderung kann man getrost auf die gesamte Psychotherapie ausweiten. Die nach Ende einer akuten Phase – ob Verrücktheit oder Depression – aufgenommene Suche nach dem Sinn des Wahnsinns hat vorbeugenden Charakter, stellte Regina Bellion schon 1998 in ihrem Beitrag in dem Buch »Psychopharmaka absetzen« fest: »Wer sich danach mit seinen psychotischen Erlebnissen auseinandersetzt, läuft anscheinend nicht so bald in die nächste psychotische Phase.« Schön, wenn diese Botschaft irgendwann einmal bei den Profis ankommt.

Peter Lehmann (FAPI-Nachrichten)