Jürgen Bombosch / Hartwig Hansen / Jürgen Blume (Hg.)
Trialog praktisch. Psychiatrie-Erfahrene, Angehörige und Professionelle gemeinsam auf dem Weg zur demokratischen Psychiatrie

CoverKartoniert, 198 Seiten, 2 Abbildungen, 14,7 x 21 cm, ISBN 978-3-926200-57-0. Neumünster: Paranus Verlag, 2. Auflage 2007. € 16.80 / Preis in sFr / sofort lieferbar oder Bestellung mit Formular
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Mit – zum Teil – kontroversen Beiträgen von Thomas Bock, Jürgen Bombosch, Hartwig Hansen, Jürgen Blume, Fritz Bremer, Dorothea Buck, Ruth Fricke, Andreas Gehrke, Eckhard Giese, Birgit Görres, Susanne Heim, Peter Lehmann, Heinz Mölders, Margret Osterfeld, Reinhard Peukert, Niels Pörksen, Sibylle Prins, Inge & Gustav Schöck, Hans-Ludwig Siemen, Günter Storck, Theiß Urbahn, Manfred Wolfersdorf, Manfred Zaumseil u.v.m. Inkl. dem Artikel "Das trialogische Weglaufhaus?" von Peter Lehmann. Originalausgabe 2004

Original-Verlagsinfo

Die Psychoseseminare haben es vorgemacht und tragen die Idee des Trialogs nun schon seit fünfzehn Jahren in die psychiatrische Landschaft. »Na logisch – trialogisch« lautet das neue Motto der »aufgeklärten« Psychiatrie-Erfahrenen, Angehörigen und Professionellen – natürlich redet man miteinander, natürlich sind alle selbstbestimmt, natürlich wird gleichberechtigt verhandelt...

Wirklich? Dieses Buch geht auf die Suche: Wo und wie wird heute der Trialog in der deutschen Psychiatrie praktisch – und wo und weshalb eben (noch) nicht? Was erleben die Beteiligten, was tun und fordern die Verbände, was sagen die Kritiker? Und wie soll die Zukunft aussehen? Denn: Die Reise zur trialogischen Psychiatrie hat erst begonnen!

Die Herausgeber

Jürgen Bombosch, Jahrgang 1951, examinierter Krankenpfleger, Diplompsychologe, Diplomsoziologe, Diplom-Nonprofit-Manager. Heute Geschäftsführer des Bereichs Sozialwesen im Diakonischen Werk der Evangelischen Kirche im Rheinland. Vorstandsmitglied der »Rheinischen Gesellschaft für Soziale Psychiatrie« und Redaktionsmitglied der »Kerbe – Forum für Sozialpsychiatrie«.

Hartwig Hansen, Jahrgang 1957, Diplompsychologe, langjährig Geschäftsführer des Bonner Psychiatrie-Verlages. Heute Redaktionsmitglied des »Brückenschlag – Zeitschrift für Sozialpsychiatie, Literatur, Kunst« und Mitarbeiter im Paranus Verlag Neumünster sowie Paar- und Familientherapeut in Hamburg.

Jürgen Blume, Jahrgang 1960, er lernte Buchhändler und studierte Germanistik, Geschichte und Journalistik und ist heute Redaktionsmitglied des »Brückenschlag« und Mitarbeiter des Paranus Verlages. Er ist Co-Moderator im Kieler Psychoseseminar und Mitglied im Landesverband Psychiatrie-Erfahrener Schleswig-Holstein. Heute lebt er in Rendsburg.

Weitere Bücher mit Beiträgen von Jürgen Bombosch im Antipsychiatrieversand: EX-IN Kulturlandschaften – 12 Gespräche zur Frage: Wie gelingt Inklusion?

Inhaltsverzeichnis

  1. Einleitung

    • Jürgen Bombosch / Hartwig Hansen / Jürgen Blume: Die Reise zur Trialogischen Psychiatrie

    • Hans-Ludwig Siemen: Vom Monolog der Psychiatrie

  2. Psychoseseminare – Chancen und Grenzen

    • Dorothea Buck: Der trialogische Erfahrungsaustausch – Unsere Antwort auf die gesprächslose Psychiatrie, die zu den Ausrottungsmaßnahmen von 1933 - 45 führte

    • Thomas Bock: Wo wir stehen – Die Landschaft der Psychoseseminare heute

    • Rita Harbeck: Ich bin nicht die Einzige – Erfahrungen aus einem Psychoseseminar

    • Ursula Höger: Erfahrungen aus zwei Blickwinkeln: Als Angehörige und Psychiatrie-Erfahrene – ohne und mit Psychoseseminar

    • Susanne Heim: Trialog – praktisch nur im Biotop!

    • Margret Osterfeld: Der Einfluss des Trialogs auf eine Psychiatrie-Karriere

    • Andreas Becher / Manfred Zaumseil: Professionelle im Psychose-Seminaren – Erste Forschungsergebnisse

    • Cornelia Schäfer: Ein Thema für mehr als einen Tag

  3. Trialog – Was wollen und tun die Verbände?

    • Ruth Fricke (Bundesverband Psychiatrie-Erfahrener, BPE): Was erwarten Psychiatrie-Erfahrene vom Trialog?

    • Reinhard Peukert (Bundesverband der Angehörigen psychisch Kranker, BApK): Was erwarten Angehörige vom Trialog ? oder: Ein ungleicher Kampf um wechselseitige Anerkennung und Beteiligung

    • Birgit Görres (Dachverband Psychosozialer Hilfsvereinigungen, DV): Wegbereiter des Trialogs – Dachverband Psychosozialer Hilfsvereinigungen e.V.

    • Günter Storck (Deutschen Gesellschaft für Soziale Psychiatrie, DGSP): DGSP und der Trialog in der Psychiatrie

    • Niels Pörksen (Aktion Psychisch Kranke, APK): Wie fördert die Aktion Psychisch Kranke das trialogische Denken und Handeln?

    • Manfred Wolfersdorf (Bundesdirektorenkonferenz): Klinische Psychiatrie und Psychotherapie – Raum für »trialogische Psychiatrie«

    • Jürgen Bombosch / Ruth Fricke / Susanne Heim / Reinhard Peukert / Richard Suhre: Kooperation konkret: »Selbstbestimmt leben – Werkstatt Trialogische Psychiatrie«

  4. Trialog praktisch

    • Andreas Gehrke: Das Netzwerk Stimmenhören – Erste Schritte auf dem Weg von der Theorie in die Praxis des Trialogs

    • Jürgen Blume: Gelebter Trialog Ein subjektiver Bericht vom Stimmenhörer-Kongress

    • Peter Lehmann: Das trialogische Weglaufhaus? Über das Ernstnehmen von Partnerschaft im psychiatrischen Bereich

    • Theiß Urbahn: Rückblick auf dreizehn Jahre Trialog mit den Augen eines Psychiaters

    • Eckhard Giese / Christina Reinhardt: Trialog im Osten: zum Beispiel Thüringen

    • Fritz Bremer: Vom Hilfeverein zur Institution – Vom Psychoseseminar zur trialogischen Praxis

    • Martina Hoffmann-Badache: Trialog praktisch – auch ein Thema für den überörtlichen Träger der Sozialhilfe?

    • Jürgen Bombosch: Die Kunst, sich als Profi selbst ans Bein zu treten und daraus Positives zu lernen – Acht Thesen

  5. Ausklang

    • Inge und Gustav Schöck: Über den Trialog hinaus – Wo bleibt »die Gesellschaft«?

    • Heinz Mölders: Multilog – Verständigung über (psychisches) Leiden im/am Alltagsleben

    • Sibylle Prins: Theaterflitter? Vom Unbehagen im Trialog
Verzeichnis der Autorinnen und Autoren

Editorial: Die Reise zur Trialogischen Psychiatrie

»Es hat lange gedauert, bis die Fachleute als Lernende auf Psychiatrie-Erfahrene und Angehörige zugehen konnten. Psychiatrie kann sich aber nur als empirische, das heißt als Erfahrungswissenschaft bezeichnen, wenn sie die Erfahrungen von seelisch leidenden Menschen und ihren Angehörigen gleichberechtigt einbezieht. Wir wollen deshalb zu einer gemeinsamen Sprache finden, die von Patienten, Angehörigen und Therapeuten verstanden wird.« (aus der »Hamburger Erklärung zu den Perspektiven einer Trialogischen Psychiatrie« nach dem XIV. Weltkongress für Soziale Psychiatrie 1994 in Hamburg)

Die Reise zur Trialogischen Psychiatrie hat vermutlich Anfang der 1970er Jahre mit der Bewegung der Sozialpsychiatrie in der Bundesrepublik Deutschland begonnen. Diese forderte schon damals deutlich eine verstärkte »Subjektorientierung«, die sich konzeptionell eindeutiger den individuellen Erfahrungen, Erkenntnissen und Bewertungen der Psychiatrie-Erfahrenen in Theorie und Praxis öffnen sollte. Im Mittelpunkt standen dabei zunächst die Psychiatrie-Erfahrenen selbst; die Angehörigen psychisch kranker Menschen spielten zu dieser Zeit aus Sicht der Professionellen eine untergeordnete Rolle. Herausgestellt wurde insbesondere: »Sozialpsychiatrie ist vor allem orientiert an der Chancengleichheit aller Angehörigen einer Gesellschaft, das heißt an der objektiv bedarfsgerechten und subjektiv bedürfnisgerechten Hilfe für alle psychisch Leidenden.« (Dörner, K.; Plog, U.: Sozialpsychiatrie. Psychisches Leiden zwischen Integration und Emanzipation. Neuwied und Berlin, Luchterhand, 1973, 2. korr. Auflage, S. 9)

Und natürlich galt der Klaus Dörner zugeschriebene Satz: »Psychiatrie ist soziale Psychiatrie – oder sie ist keine Psychiatrie.« Margret Osterfeld hat – aus der Sicht einer Psychiaterin und Psychiatrie-Erfahrenen – dieses Motto in ihrem Buchbeitrag in einem Wort verändert: »Psychiatrie ist trialogische Psychiatrie – oder sie ist keine Psychiatrie.«

1970 gründete sich die Deutsche Gesellschaft für Soziale Psychiatrie e.V. (DGSP) in Hannover, 1976 dann der Dachverband psychosozialer Hilfsvereinigungen e.V. (DV) der durch bürgerschaftlich Engagierte entstandenen Vereine zur Hilfe psychisch kranker Menschen. Die Arbeit des Dachverbandes sollte in den kommenden Jahren starken Einfluss auf die Selbsthilfebewegung von Angehörigen und Psychiatrie-Erfahrenen haben. Eine weitere wichtige Wegmarke zur Trialogischen Psychiatrie ist sicher die Gründung des Bundesverbandes der Angehörigen psychisch Kranker e.V. (BApK) in der Bundesrepublik Deutschland 1985, der sich aus dem »Arbeitskreis Angehörige« des Dachverbandes entwickelt hatte (vgl. hierzu auch den Beitrag von Inge und Gustav Schöck).

Durch die Beteiligung der Angehörigen psychisch kranker Menschen erhielt der primär durch Professionelle geführte Monolog mit psychisch erkrankten Menschen die Chance, über einen bis dahin in zögerlichen Ansätzen gepflegten Dialog (in erster Linie zwischen Profis und Psychiatrie-Erfahrenen) zum Trialog zu werden. Wobei wir auch den heutigen Dialog, insbesondere in der eher naturwissenschaftlich orientierten Mainstream-Psychiatrie, einschränkend eher als nach wie vor »monologischen Dialog« bezeichnen müssen. Dies heißt aber wiederum auch nicht, dass die Sozialpsychiatrie, die wir als Basis für den Weg zur trialogischen Psychiatrie sehen, immer schon dialogisch oder gar trialogisch (gewesen) ist.

Hans-Ludwig Siemen macht dazu in seinem folgenden Beitrag deutlich, dass der »psychiatrische Monolog« auch heute noch »die vorherrschende Gesprächsform« ist. Und diese These bzw. Erfahrung einer nach wie vor eher »monologischen Gesprächskultur« in der heutigen Psychiatrie hat uns ganz besonders angetrieben, den damit ja immer noch monologischen Dialog durch dieses Buchprojekt mit dem Trialog herauszufordern!

Daher verstehen wir dieses Buch auch gleichzeitig als »Aufklärungsbuch« über Partizipation und Pseudopartizipation in psychiatrischen und sozialpsychiatrischen Diskursen. Denn Sie werden als Leserinnen und Leser feststellen, dass insbesondere die psychiatrieerfahrenen und angehörigen Autorinnen und Autoren dieses Bandes zwar den Trialog grundsätzlich schätzen; bisherige trialogische Pflänzchen aber selbst in den wenigen »kreativen trialogischen Nischen« unserer Republik mit äußerster Vorsicht betrachten.

Immer wieder wird die Frage aufgeworfen, wer denn im jeweiligen sozialpsychiatrischen Umfeld die Deutungs- und Definitionsmacht wirklich ausübt und dadurch letztlich die tägliche Kommunikationskultur bestimmt. Allerdings gilt auch die Gegenfrage an alle Psychiatrie-Erfahrenen und Angehörigen, inwieweit eine Demokratisierung psychiatrischer Kommunikationskulturen auch teilweise durch einseitige Erwartungen an die Kompetenz Professioneller nicht vorankommt.

Für die trialogische Idee und Praxis stehen heute – neben vielen anderen Engagierten – vor allem zwei Namen: Dorothea Buck und Thomas Bock, die 1989 in Hamburg das erste Psychoseseminar ins Leben riefen und die in diesem Band sowohl zu Historischem wie Aktuellem Stellung nehmen. Mit der Gründung des ersten Psychoseseminars und dem Weltkongress für Soziale Psychiatrie 1994 in Hamburg wurden entscheidende Impulse auf dem Weg zur Trialogischen Psychiatrie gesetzt. Aktuell tagen über 130 Psychoseseminare oder Psychose-Foren in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Eine einfache und nahe liegende Idee hat sich durchgesetzt. Ausgehend von diesen Wurzeln äußern sich in diesem Band weitere Autorinnen und Autoren aus den drei Perspektiven der Beteiligten, was die Psychoseseminare für sie bedeutet haben und bedeuten.

Doch sicher ist auch, dass die Psychoseseminare nicht die psychiatriepolitische Alltagsarbeit in den für die Gestaltung der psychiatrischen Landschaft entscheidenden Gremien leisten können. Was dazu an persönlicher Initiative und gesellschaftlichem Strukturwandel nötig ist, versuchen die Beiträge unter dem Stichwort »Trialog praktisch« zu diskutieren – gemischt mit grundsätzlich kritischen Stimmen.

Durch die Gründung des Bundesverbandes Psychiatrie-Erfahrener e.V. (BPE) 1992 bekamen in Deutschland endlich auch die Psychiatrie-Erfahrenen eine stärkere Stimme, Position und Lobby im psychiatrischen und gesamtgesellschaftlichen Kontext – ein weiterer Schritt auf dem Weg zur trialogischen Psychiatrie. Auch hier spielte der Dachverband psychosozialer Hilfsvereinigungen durch den »Arbeitskreis Betroffene« eine wichtige gestaltende Rolle. So lag es nahe, die jeweiligen aktuellen Positionen und Perspektiven der erwähnten, den Trialog gestaltenden Verbände – erweitert um die Voten der Vorsitzenden der Aktion Psychisch Kranker und der Bundesdirektorenkonferenz – zu erfragen und im dritten Kapitel des Buches zu dokumentieren. Seinen bisherigen Höhepunkt fand der Trialog der Verbände, der mit der gemeinsamen Tagung »Das erste Mal...« im Mai 1995 in Lutherstadt Wittenberg begonnen hatte, in der im März 2003 in Magdeburg stattfindenden »Werkstatt Trialogische Psychiatrie«, aus der die »Magdeburger Thesen zur Trialogischen Psychiatrie« entwickelt wurden (vgl. dazu den Beitrag von Bombosch/Fricke/Heim/Peukert/Suhre).

Was verstehen wir nun als Herausgeber unter »Trialog«? Für uns ist Trialog das partizipative Denken und Handeln der drei Hauptgruppen im (sozial)psychiatrischen Entwicklungsprozess, die im Idealfall gleichberechtigte Partnerinnen und Partner sind. Dies sind die Psychiatrie-Erfahrenen (die von Professionellen auch Patienten, Klienten, Bewohner, Betroffene, Nutzer, Teilnehmer..., paradoxerweise mitunter »Gäste« und aktuell »Kunden« genannt werden), die Angehörigen psychisch kranker Menschen und die professionellen MitarbeiterInnen in (sozial)psychiatrischen Handlungsfeldern. Andere wichtige Kommunikationspartner, wie beispielsweise alle bürgerschaftlich Engagierten bzw. ehrenamtlich Tätigen, sollen durch diese Definition nicht ausgegrenzt werden. Hierzu melden sich Inge und Gustav Schöck in diesem Band als Bürgerhelferin und Bürgerhelfer der ersten Stunde entsprechend kritisch zu Wort.

Doch wir meinen, die »Kerngruppe« (sozial)psychiatrischen Handelns besteht aus der oben genannten »Trias« von Psychiatrie-Erfahrenen, Angehörigen und Professionellen. In allen anderen Handlungsfeldern Sozialer Arbeit und Gesundheitspflege wird die Kommunikationskultur ebenfalls primär entscheidend durch die Trias von Klienten, Angehörigen und Professionellen gestaltet. Insofern messen wir dem Trialog auch universelle Bedeutung zu, unabhängig vom jeweils fachspezifischen Handlungsfeld sozialer Arbeit.

Natürlich wollen wir letztlich auch, dass der Trialog zum »Multilog« wird, wie dies Heinz Mölders für eine Initiative in den Niederlanden am Ende dieses Buches beschreibt, und psychiatrisches Handeln zunehmend als gesamtgesellschaftliche Verantwortung begriffen wird. Alle bürgerschaftlich Engagierten und ehrenamtlich Helfenden haben ja gerade dadurch einen außergewöhnlichen gestalterischen Vorteil im Kontext gesamtgesellschaftlichen Handelns, da sie eben nicht zur definierten Kerngruppe des Trialogs gehören. Dies kann sich allerdings immer wieder in Mehrfach-Rollen engagierter Bürgerinnen und Bürger positiv mischen, die als Ehrenamtliche selber Psychiatrie-Erfahrene, Angehörige und/oder Professionelle sind. Eine solche (positive) Rollendiffusion bzw. Doppelkompetenz kommt nach unserer Erfahrung wesentlich öfter vor, als dies selbst in Insiderkreisen bekannt ist bzw. veröffentlicht wird. Hier bestehen auch aktuell, in unserer noch so aufgeklärten Postmoderne, nach wie vor heftige Tabuzonen.

Was es bedeutet, als Psychiaterin »die Seiten zu wechseln« und als Patientin behandelt zu werden, schildert Margret Osterfeld in ihrem Beitrag sehr eindrücklich. Einerseits repräsentiert eine solche Mehrfachrolle eine besondere »trialogische Kompetenz«. Andererseits wird an diesen Beispielen auch wiederum die Fragwürdigkeit der starren Rollenzuschreibung im Trialog deutlich.

Uns scheint es dringend erforderlich, dass professionelle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in allen Bereichen der Psychiatrie, in Ministerien, Fachverbänden (auch in den sozialpsychiatrisch geprägten Verbänden), in Wissenschaft und Politik, bei Kostenträgern sowie in der öffentlichen und freien Wohlfahrtspflege bereit sind, von Psychiatrie-Erfahrenen und Angehörigen zu lernen. Der Trialog soll dazu beitragen, die einseitige Definitions- und Deutungsmacht professioneller Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der Psychiatrie (sowie in allen mit der Psychiatrie zusammenhängenden Gremien) deutlich zu hinterfragen und in eine demokratische Handlungskultur zu überführen, in der alle Beteiligten bereit sind, einen Perspektivwechsel vorzunehmen und einen offenen Diskurs zu führen. Hier spielen die leitenden Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter auf allen Ebenen und in allen Bereichen, die in irgendeiner Form mit der Psychiatrie zusammenhängen, eine ganz entscheidende Rolle. Das jeweilige »Top-Management« ist daher ganz besonders in seiner Vorbildfunktion gefragt.

»Die beste Qualitätskontrolle geschieht in der Psychiatrie durch die Psychiatrie-Erfahrenen und Angehörigen!« Diesem von Theiß Urbahn in Magdeburg geprägten Leitsatz für Qualitätshandbücher der (Sozial)Psychiatrie schließen wir uns an. Alle umfassenden und teuren Qualitätsentwicklungsprozesse, die seit Jahren in der deutschen Psychiatrielandschaft stattfinden und fälschlicherweise oft »Qualitätssicherung« – dies wäre ein stagnierender Prozess – genannt werden, haben erst dann den Status des viel gerühmten und in der Psychiatrie wenig praktizierten »Total Quality Managements« erreicht, wenn Psychiatrie-Erfahrene und Angehörige gleichberechtigt, wirklich als »Experten in eigener Sache«, in diesen Prozess einbezogen werden. Erst an diesem Punkt wird der Trialog praktisch und die Voraussetzung geschaffen, dem Ziel einer demokratischen Psychiatrie näher zu kommen!

Aus aktuellem Anlass

Während der Abschlussarbeiten an diesem Buch erreichen uns Nachrichten aus Berlin, die uns als Herausgeber eines »Trialog-Buches« nachdenklich stimmen. Im Parlament wird ein Gesetzentwurf behandelt, der – offenkundig auch aus Kostengründen – eine »ambulante Zwangsbehandlung« psychisch erkrankter Menschen ermöglichen soll. Der dafür vorgesehene §1906a des bürgerlichen Gesetzbuches soll es erlauben, dass der Betreute durch seinen Betreuer – nach einem entsprechenden Beschluss des Vormundschaftsgerichts – einer ambulanten ärztlichen Heilbehandlung zwangsweise zugeführt werden kann. Dies soll dann möglich sein, wenn der psychisch Erkrankte andere gefährdet, die Notwendigkeit der Behandlung nicht erkennt und die Gefahr besteht, dass er sich der notwendigen Behandlung entzieht.

Die ebenfalls neuen §§ 1358, 1358a und 1618b BGB sehen eine generelle Bevollmächtigung der Angehörigen psychisch kranker Menschen und weisen insofern in die gleiche bedenkliche Richtung, die einen Trialog grundsätzlich gefährdet. Sinnvoll ist eine solche Regelung wohl bei Unfallopfern oder Komapatienten, aber auf keinen Fall in den oftmals »verstrickten« Familien psychisch kranker Menschen.

Denn diese beabsichtigten Gesetzesänderungen stellen einen massiven Eingriff in das Selbstbestimmungsrecht der Betroffenen dar. Die »Notwendigkeit der Behandlung« wird über das Recht auf Selbstbestimmung gestellt. Bei körperlichen Erkrankungen käme niemand auf eine solche Idee.

Verwiesen (und begründet) wird im Gesetzentwurf auf die Gefahrenabwehr bei Eigen- oder Fremdgefährdung. Damit geraten auch die Betreuer in eine prekäre Lage. Das für eine gelingende Begleitung/Betreuung notwendige Vertrauen wird zerstört. Denn eigentlich soll ja das Wohl und der Wille des Betreuten das Handeln der Betreuerinnen und Betreuer bestimmen. So würden sie zu staatlichen Ordnungshütern und Erfüllungsgehilfen. Dies darf und kann insbesondere nicht die Aufgabe von Angehörigen psychisch kranker Menschen sein. Diese stellen aber die große Mehrheit der ehrenamtlichen Betreuerinnen und Betreuer. Und: Es geht um mehr als eine Million Menschen, die momentan rechtlich betreut werden.

Die Gefahrenabwehr durch Selbst- oder Eigengefährdung ist eine staatliche Aufgabe, die in den PsychKGs der Länder geregelt wird. Das Betreuungsrecht hingegen hat eine ganz andere Aufgabe. Es soll der Wahrung und Stärkung der Persönlichkeitsrechte der Betreuten dienen. Maßnahmen zur Gefahrenabwehr für die Allgemeinheit gehören nicht ins Betreuungsrecht.

Mit dieser Aufgabenverschiebung würde jedem Trialog – vor allem im gesamten ambulanten Behandlungsbereich – die Grundlage entzogen. Wo bliebe »Verhandeln statt Behandeln«? Wie soll Vertrauen unter Betroffenen und ihren Angehörigen als Partner des Trialogs entstehen, wenn dem einen staatliche Zwangsmittel in die Hand gegeben werden, gegen den Willen des anderen vorzugehen? Gespräche und erst recht eine Praxis »auf gleicher Augenhöhe« würden verunmöglicht. Ein ernst gemeinter Trialog wäre durch eine »Gewichtverschiebung per Gesetz« zum Scheitern verurteilt.

Wir können nur hoffen, dass sich die Abgeordneten die Folgen ihres Handelns klar machen und ein solch verhängnisvoller Vorgang für die Entwicklung einer trialogischen Praxis doch noch gestoppt wird. Die §§ 1358, 1358a, 1618b und 1906a BGB dürfen nicht Gesetz werden!

Die Herausgeber

Stimmen zum Buch

»Überfliege ich die lange Reihe bekannter AutorInnen, die hier etwas zum Trialog beitragen, finde ich das sehr ermutigend nach allem, was wir in der Psychiatrie an menschlicher Abwertung erlebten. Der als Trialog bezeichnete Erfahrungsaustausch zwischen uns Psychiatrie-Erfahrenen, Angehörigen und Fachleuten aller in der Psychiatrie tätigen Berufsgruppen war eine notwendige Konsequenz aus dem dunkelsten Kapitel der deutschen Psychiatriegeschichte, ihren rigorosen Zwangssterilisationen und den Patientenmorden von 1933-45.« Dorothea Buck

»Wozu sollen sich Angehörige mit der Frage nach dem Trialog beschäftigen? Wir sind doch von der ersten Minute des psychotischen sowie des psychiatrischen Geschehens dabei, ob wir wollen oder nicht. Von uns wird erwartet, dass wir mit unserem Angehörigen so lange den Dialog führen, bis er »trialogfähig« ist, bis er also bereit ist, die Hilfen des professionellen Systems anzunehmen.« Reinhard Peukert

»Eine weitere zentrale Erfahrung möchte ich weitergeben: Haben Sie Geduld mit sich selbst, aber verleugnen Sie auch nie Ihre berufliche und persönliche Identität. Denn Begegnung 'auf gleicher Augenhöhe' heißt auch, den Anderen als Gegner ernst zu nehmen, ihm etwas zuzutrauen, also auch zuzumuten.« Theiß Urbahn