Brückenschlag 25
Wahn – Sinn – Wirklichkeit

CoverKartoniert, 238 Seiten, viele farbige Abbildungen, 15 x 22 cm, ISBN 978-3-940636-03-4. Neumünster: Paranus Verlag, Band 25/ 2009. € 15.– / Preis in sFr / sofort lieferbar In den Warenkorb oder Bestellung mit Formular
Editorische Notiz | Inhaltsverzeichnis | Leseprobe | Rezension | Liefer- & Zahlungsbedingungen inkl. Widerrufsrecht
Kontroverse Beiträge, u.a. Dorothea Bucks Rede bei der Gedenkveranstaltung 2008 für die Opfer der "Euthanasie" und Zwangssterilisation während des Nationalsozialismus; Brigitte Richters "Meine Psychose gehört mir", in dem sie sich vehement gegen die Schublade "des Psychotikers" wendet; Christine Wiedemanns Bericht von ihrer Ex-In-Ausbildung; Karsten Kirschkes mit sehenswerten Zeichnungen bebilderte kurze und prägnante Beschreibung, wie er mit künstlerischen Zeichnungen seine Paranoia fixiert und gleichfalls entzaubert; u.v.m.

Original-Verlagsinfo

Vor 25 Jahren waren Fragen zum Erleben von Wahn, zum Erleben von psychischen Erkrankungen und zum Umgang damit, zum Umgang mit Menschen in der Psychiatrie, das wichtigste Motiv zur Gründung der Zeitschrift „Brückenschlag“. Band 25 kommt nun ganz ausdrücklich auf dieses zentrale Thema zurück. Was hat sich verändert? Gibt es in der Gesellschaft, in der Nachbarschaft mehr Verständnis für Menschen in psychischen Krisen? Wie hat sich das Verstehen von psychischen Erkrankungen in der Psychiatrie, in psychiatrischen Einrichtungen entwickelt?

Hat die Publikation von vielfältigen Erfahrungstexten, Bildern, Gedichten etwas bewirkt? Wenn ja – was hat es in Bewegung gebracht und verändert? Ist das Gespräch – zum Beispiel über Wahnerleben – selbstverständlicher geworden? Gibt es nach wie vor oder schon wieder die „gesprächslose Psychiatrie“ (Dorothea Buck)? Oder macht die Frage nach Sinn gar keinen Sinn mehr in einer durchökonomisierten Behandlung und Betreuung, wie wir sie heute erleben?

Der Jubiläums-Brückenschlag begibt sich wieder auf die Suche nach Antworten auf Fragen wie: Was ist beängstigend und bedrohlich in der Psychose? Was ist neu und bereichernd? Wie verändert sich das Verhältnis zur Alltagsrealität, zu den alltäglichen Anforderungen? Ist Psychoseerleben wirklich ein Schutzraum vor einer unwirtlichen, vielleicht wahn-sinnigen Normalität? Was verursacht Leiden? Was für ein Leiden ist das? Und was wird als hilfreich erlebt? Was für Möglichkeiten der Verständigung gibt es? Wie hat sich das Verständnis von Psychose – von Sinn im Wahn – in den letzten Jahrzehnten verändert?

Übung im Umgang mit "Fremdem"

25 Jahre, 25 mal "Brückenschlag". Kaum zu glauben, dass das möglich wurde und bis heute möglich ist.

Was hat sich in 25 Jahren getan? Rund um den Brückenschlag? In welchem Zusammenhang steht diese Arbeit? Einige Blitzlichter sind vielleicht erhellend. 1983 fanden sich in der ersten Begegnungsstätte für psychisch erkrankte Menschen und interessierte Bürger in Neumünster vor allem Menschen ein, die viele Monate, ja, oft viele Jahre in den "Landeskrankenhäusern" in Schleswig oder Heiligenhafen oder in den "Ricklinger Anstalten" verbracht hatten. Einen Anlaufpunkt in Neumünster zu haben, war für sie neu. Sie kamen gerne, lernten sich kennen. Sie unterstützten sich in ihrem Alltag, in der Stadt, in ihren Wohnungen, in ersten Wohngemeinschaften. Sie erzählten ihre Geschichten aus den Anstalten. Sie waren psychose-, depressions-, suizidversuchs-, manie- ... erfahrene und psychiatrieerfahrene Menschen. Für viele war es etwas Besonderes und Neues, dass andere Menschen, andere in der Stadt, jedenfalls in der Begegnungsstätte, mit Interesse nach ihren Erfahrungen fragten.

Zu dieser Zeit war die Ermutigung, die eigene Geschichte zu erzählen, herauszufinden aus der "Krankengeschichte" und zurück in die Lebensgeschichte, ein sehr praktischer Teil unserer Arbeit. Ich erinnere mich noch sehr lebendig an die Gespräche mit Heino, Ute B., Jutta, Rudi St. u.a., die etwas aufgeschrieben hatten über ihr Leben in der Anstalt, die es loswerden wollten, die sich fürchteten vor dem, was sie selbst aufgeschrieben hatten, und davor, dass andere das über sie lesen, und davor, dass sie bestraft werden könnten dafür ... Die Krankengeschichte ablegen, die Lebensgeschichte wieder entdecken – das war der erste starke Impuls zur Gründung dieser Zeitschrift.

Bilder, bildhauerische Arbeiten, Zeichnungen, Gedichte u.a. Texte von Henning Poersel, Tobias Schüler, Hartmut Selle, Jürgen Köpcke, Rudi Walter, Johann Bewersdorf u.a. ermutigten mich, die Arbeit Leo Navratils auf andere Weise fortzusetzen, die literarische und künstlerische Begabung von "psychiatrie-erfahrenen" Menschen durch Anregung und Publikation zu fördern. Das war der zweite nachhaltige Impuls.

Und der dritte? Einmischung. Öffentlichkeit für fremdartige Erfahrungen schaffen. Soziokulturelle Arbeit entwickeln. Teil der kulturellen Szene werden. Ein Forum schaffen für "Berichte aus dem Hinterland der Augen".

25 Jahre später? Aus Patienten wurden Psychiatrie-Erfahrene, wurden Vorstandsmitglieder des BPE im Bund und in den Ländern, wurden AutorInnen, Redaktionsmitglieder, ReferentInnen, HerausgeberInnen von Büchern, DozentInnen in Fortbildungen, ModeratorInnen von Selbsthilfegruppen u.v.m.

Einige der psychiatrie-erfahrenen Menschen, die inzwischen in vielfältiger Weise aktiv geworden sind, haben im "Brückenschlag" ihre ersten Texte veröffentlicht. Viele Menschen haben sich durch unsere Zeitschrift kennengelernt. In vielen Begegnungsstätten u.a. Einrichtungen wirkte sie als Ansporn, Lesungen und Ausstellungen zu organisieren. Der "Brückenschlag" wurde in vielen Psychoseseminaren, vor allem in Schleswig-Holstein, vorgestellt, und regte zum Erfahrungsaustausch an. Das von Dorothea Buck und Thomas Bock erfundene Psychose-Seminar wird 2009 zwanzig Jahre alt. Psychose-Seminare haben sich verbreitet, entwickelt und viele Ideen und Ermutigungen für trialogische Praxis hervorgebracht: Die Ex-In-Fortbildungen, Irre-Menschlich, Schulprojekte, trialogische Mitwirkung … Eine ermutigende, wunderbare Vielfalt von neuen Möglichkeiten; anregende, aufregende, zukunftsweisende Arbeit – und eine dieser Möglichkeiten ist seit Beginn unsere Arbeit am "Brückenschlag".

Was ist das eigentlich, woran wir arbeiten, wenn wir ungewöhnlichen, psychotischen, depressiven, fremd anmutenden Erfahrungen und originellen poetischen, künstlerischen Ausdrucksformen Raum geben im "Brückenschlag"? Wenn wir den zentralen Aussagen M. Foucault's in seinem Buch "Wahnsinn und Gesellschaft" folgen, bekommen wir eine Vorstellung davon, dass in der Entwicklung unserer Kultur seit der Renaissance, seit dem Übergang zur Neuzeit, ein Siegeszug des zweifelnden, analysierenden rationalen Denkens stattfindet. Untrennbar verbunden mit diesem Siegeszug ist eine zunehmende Entfremdung von allem, was uns im Außen und im Innern nicht rational verständlich erscheint, was nicht den Gesetzen der Ratio gehorcht. Wir könnten auch sagen: mit der wachsenden Dominanz der Ratio in unserer wissenschaftlichen kulturellen Entwicklung wurde zeitgleich das Unbewusste, Psychische, Seelische dem Bewussten fremder. So geriet auch – wie Foucault sagen würde – der Wahnsinn in die Region des Nichtverstehbaren.

Gewiss – zu allen Zeiten und in allen Kulturen forderte depressives, manisches … verrücktes Verhalten Clan, Gruppe, Familie, Gesellschaft heraus und provozierte beeindruckende, vorbildliche, aber auch grausige Antworten. Und gewiss litten zu allen Zeiten Menschen z.B. unter dem, was wir heute Psychose nennen. Aber der "Wahnsinn" im Sinne des Gegenbildes, der kulturell konstruierten Gegenfigur zur "Ratio" erschien erst auf der gesellschaftlichen Bühne der Neuzeit. Und dass diese menschlichen Erlebens- und Verhaltensweisen in unserer neuzeitlichen Kultur auf so besondere Weise zu etwas Fremdem, zu etwas scharf Ausgegrenztem wurden, das ist viel mehr als eine medizinisch-psychiatrische Geschichte. Die Psychiatrie übernahm ihre Rolle erst relativ spät. Es ist vielmehr eine umfangreiche, vielfältige, kulturelle, sozioökonomische, psychosoziale … Erzählung, aus der uns z.B. M. Foucault einige eindrucksvolle Kapitel vorstellt.

So erscheint der Widerstreit zwischen "Ratio" und "Wahn" immer wieder aufs Neue und in vielfältiger Gestalt in unserer kulturellen Entwicklung. Zur Veranschaulichung dieses Gedankens nenne ich zum Beispiel die Literatur der Romantik, die einen Gegenpol bildet zu Vernunftgläubigkeit und Gelehrsamkeit. Erinnert sei an Zeilen wie die von Novalis: "Wenn nicht mehr Zahlen und Figuren sind Schlüssel aller Kreaturen. Wenn die, so singen oder küssen, mehr als die Tiefgelehrten wissen, …"

Im Zusammenhang der Kulturgeschichte von "Ratio" und "Wahn" können wir auch die Kunst und Literatur des Expressionismus als eine romantische Gegenströmung zur Dominanz der "Ratio" begreifen. Bemerkenswert ist der nachweisbar intensive Einfluss der Bilder der "Prinzhorn-Sammlung", also der Bilder psychisch erkrankter Menschen, auf die Arbeit der Künstler dieser Zeit.

Viele Autoren des Expressionismus schufen eindringliche Darstellungen des Erlebens von "Wahnsinn" (siehe z.B. Thomas Anz, "Phantasien über den Wahnsinn – expressionistische Texte", München 1980).

Viele Songs, Texte, künstlerische und politische Aktionen der 67/68-Jugendbewegung können u.a. im Kontext der hier angedeuteten Geschichte verstanden werden. Die ersten Bücher Leo Navratils, Titel wie "a und b leuchten im Klee", "Schizophrenie und Kunst", "Alexanders poetische Texte", "Gespräche mit Schizophrenen" fanden gespannt interessierte Leser vor allem auch unter den 67/68-er "Jugendbewegten".

Dasselbe gilt für die damaligen Arbeiten der kritischen Psychiater David Cooper und Ronald D. Laing, die in dieser Zeit mit ihren Texten weit über Fachkreise hinaus Diskussionen über – grob gesagt – Normal- und Verrücktsein auslösten. Der Zusammenhang zur "Ratio-Wahn-Geschichte" und zur Tradition "romantischen" Aufbegehrens wird spürbar, wenn beispielsweise Laing die Schizophrenie beschreibt als eine der Arten, "wie oft durch ganz gewöhnliche Leute das Licht durch die Risse unserer allzu geschlossenen Gehirne zu brechen beginnt" (Laing, Phänomenologie der Erfahrung, Frankfurt a.M. 1969, S. 118f).

Laing u.a. brachten eindrucksvoll zum Ausdruck, wie sehr feinfühlige, für fremde, ungewöhnliche Erfahrungen durchlässige Menschen unter der in unserer Kultur täglich erfahrbaren Vorherrschaft der Ratio leiden. Er beschrieb unser gewöhnliches Alltagsleben als entfremdet von unseren eigenen Erfahrungen; entfremdet von uns selbst – was bei Laing auch immer hieß: ohne Zugang zum Unbewussten. Und er schlussfolgerte: Wer keine Kontakte zu den eigenen Erfahrungen hat, kann auch den Zugang zu den Erfahungen des anderen nicht finden. Wer das eigene "Fremde", Unbewusste abwehrt, muss auch das des anderen und bald alles "Fremde" abwehren.

Gewagt mag dieser blitzartige Gang durch verschiedene Zeiten und Facetten von Literatur, Kunst, Politik, Psychiatrie erscheinen. Aber am Anfang von Band 25 möchten wir doch den Versuch machen, auf die Tradition zu zeigen, in der wir unsere Arbeit verstehen. Mit unserer Brückenschlag-Arbeit ist uns sehr daran gelegen, deutlich zu machen, wie vielfältig und vielgestaltig die Auseinandersetzung mit der "Geschichte des Wahnsinns" in unserer Kultur ist. Eine Disziplin allein, beispielsweise Psychiatrie, ist mit der Geschichte, mit dem Verstehen – und auch mit der Frage, was kann helfen? – überfordert. Wir möchten ermutigen, nach vielfältiger Auskunft zu suchen.

Zu der Geschichte, die wir hier andeuten, gehören auch die grausigen Morde an "Geisteskranken", "geistig Behinderten" u.a. zwischen 1938 und 1945 in Deutschland, nachdem aus Nicht-Verstehen und Ausgrenzung der Wille zur Vernichtung sogenannten "lebensunwerten Lebens" gemacht worden war. Menschen, deren Leben für "minderwertig" und "nutzlos" gehalten wurde, wurden in grausamer Konsequenz der Rassenhygiene-Ideologie des NS-Staates ermordet. Nicht zu fassen, dass weder der christliche Glaube, noch humanistische Bildung, weder die Entfaltung der Aufklärung und auch kein hippokratischer Eid diese Radikalisierung von Nicht-Verstehen und Ausgrenzung aufhalten konnte.

Es ist uns deshalb wichtig, die Rede von Dorothea-Sophie Buck-Zerchin "Für die Opfer der ›Euthanasie‹ …" von der Gedenkveranstaltung am 6.9.2008 – Tiergartenstraße 4 – gerade in Band 25 veröffentlichen zu können.

Auch mit dieser Ausgabe wollen wir weiter beitragen zum Bemühen um die Wiederentdeckung verlorener Vertrautheit zwischen "Ratio" und "Wahn", Vernunft und Unvernunft.

In einem Referat im April 2008 in Bielefeld beschreibt Günther Wienberg das Schizophrenie-Verständnis am Ende des 19. Jahrhunderts als "rein biologisch bedingt, … unverstehbar, uneinfühlbar, unheilbar, … Patient passives Behandlungsobjekt, für Betroffene mystifizierend, stigmatisierend, kränkend". Das Schizophrenie-Verständnis am Ende des 20. Jahrhunderts dagegen kennzeichnet er so: "Verletzlichkeit für schizophrene Psychosen biologisch und psychosozial bedingt, externe Auslöser häufig, Psychose (auch) als Selbsthilfeversuch verstehbar, Ausgang überwiegend günstig, Verlauf vielfältig, Patient aktiv: Selbsthilfe und Bewältigungsfähigkeiten, für Betroffene nachvollziehbar, akzeptabel, entlastend." Abschließend formuliert er eine "historisch begründete Warnung an die Psychiatrie: Krankheits-Bilder prägen das Menschenbild. ›Die Psychiatrie‹ nimmt immer nur einen Ausschnitt der Wirklichkeit psychischer Erkrankungen wahr. Sie muss sich dessen bewusst sein. Auch bei Psychosen … gibt es immer Grund zur Hoffnung auf ›Recovery‹" (G. Wienberg, Bielefeld, 2008).

Diesen Vergleich finde ich beeindruckend. Und die Aussage des Vergleichs selbst gibt doch Anlass zur Hoffnung und Ermutigung.

Wir freuen uns, Ihnen den 25. Brückenschlag vorzulegen. Er ist ein weiterer Versuch der Neuentdeckung von Möglichkeiten des Umgangs mit "Wahn", mit "Fremdem", mit "Wahn-Sinn-Wirklichkeit". Wir fühlen uns ermutigt, unsere Brückenschlagarbeit weiterzuentwickeln, vielleicht mit neuen Nuancen, anderen Schwerpunkten sie neu zu bestimmen. Wir danken herzlich allen, die daran mitgewirkt haben, den Autorinnen und Autoren der vergangenen 25 Jahre, den Abonnentinnen und Abonnenten, den Leserinnen und Lesern, den Unterstützern. Wir danken allen, die in dieser Zeit im Satz, in Druck und Endverarbeitung, im Verlag mitgearbeitet haben, geholfen haben, dass Jahr für Jahr ein "Brückenschlag" möglich wurde. Herzlichen Dank! Ich danke meinem Kollegen Knud Wieben, der in den vergangenen Jahren – im Hintergrund immer mit dafür gesorgt hat, dass der "Brückenschlag" auch finanziell weiter möglich war. Besonders danke ich Brigitte Knop, Jürgen Blume, Hartwig Hansen, die durch ihre vielfältige Arbeit, beim Lesen der Einsendungen, bei der Auswahl, bei der Bearbeitung und Korrektur, bei Versand, Vertrieb, Werbung …, durch Ideen und Engagement, durch anhaltende Verbundenheit mit der gemeinsamen Arbeit – die Zeitschrift lebendig weiterentwickelt haben. Und ich denke an Henning Poersel, der den "Brückenschlag" vor 25 Jahren mit begründet hat. Danke!

Fritz Bremer

Inhaltsverzeichnis

Berichte · Aufsätze · Stellungnahmen

FRITZ BREMER: Übung im Umgang mit »Fremdem« ... 9
DOROTHEA-SOPHIE BUCK-ZERCHIN: Für die Opfer der »Euthanasie« und Zwangssterilisation im Nationalsozialismus ... 15
RONALD MUNDHENK: Wahn und Illusion ... 32
ESTHER NAPP: Stimmen hören ... 41
ROLF SCHEFFEL: Bolero und andere Melodien ... 43
IRENA HOPPE: In Wirklichkeit bin ich nur ganz viel allein ... 43
REINHARD GELBHAAR: Wie eine Uhr mit hundert Zeigern ... 52
JANA V.: Zurück aus dem Reich der Toten ... 54
BRIGITTE RICHTER: Meine Psychose gehört mir ... 60
REINHARD LÜTJEN: Von der Unmöglichkeit der Verständigung zur gegenseitigen Anerkennung:
Das gewandelte Psychoseverständnis in den letzten 25 Jahren ... 67
JÜRGEN BOMBOSCH: Wie der Trialog mein Denken und Handeln grundlegend verändert hat ... 75
ANJA MUSCULUS-VIEHÖFER: Psychoseseminar und trialogische Mitwirkungsarbeit konkret ... 83
CHRISTINE WIEDEMANN: EX-IN aus der Sicht einer Teilnehmerin ... 91
GERT SPRINGMANN: Traurige Bilanz ... 101
RENATE SCHERNUS: Sinn – verloren, gefunden, verloren … 105
HENNING HORSTSON: Tage vor der Einweisung ... 111
INGO WEIKINNES: Zweiter Klasse oder: bis der Arzt kommt … 115
KARL FARR: Es brennt ... 122
ANDREAS MANTEUFEL: Vox paradox – Aus dem Notizbuch eines Psychiatriemitarbeiters ... 129
ANDREA DÖRING: Wäre doch gelacht, wenn wir was zu lachen hätten ... 137
HANS-PETER PETERSEN: Psychose-Erleben aus pflegerischer Sicht ... 143
MARINA GERDES: Wirklich wahnsinnig ... 149
ELISABETH NICOLAI: SYMPA – Systemische Behandlungselemente in der psychiatrischen Akutversorgung ... 155
SIBYLLE PRINS: Wird die Wirklichkeit psychotisch? ... 163
ANDREAS GEHRKE: Wahn und Sinn? ... 167
REINHARD GELBHAAR: Der Sinn der Schizophrenie ... 170
JUTTA JENTGES: Brief an die Redaktion ... 172
SIBYLLE PRINS: Wirf es von dir! ... 175
ANNE CLAIRE MELCHIOR: Jetzt erst recht ... 178
ARMIN ANDREAS PANGERL: »Outsider Art Markt« in der Sammlung Prinzhorn ... 181
RALF SEIDEL: Gewagte Nähe ... 185
WOLFRAM VOIGTLÄNDER: Gustav Mesmer – religiöser Wahn oder religiöses Trauma? ... 193
Fund eines wahrscheinlich letzten Fotos von Jakob van Hoddis ... 202/203

Gedichte · Bilder · Texte

GÜNTER KUNERT: Krankenhausgarten ... 24
ADA: Bilder ... 25/174
ALFONS SATZ: Bilder ... 31/59
HELMUT SILBERMANN: Bild ... 39
ESTHER NAPP: Bild ... 40
DESPINA PAPADOPOULOU: Bild ... 51
MARGRIT FILLIES: Bild ... 55
JOACHIM BRÜSSOW: krise ... 65
HEINZ MÖLDERS: Bilder ... 66/74
GEORG WALZ: specchio opaco ... 82
DIE MALER: Collage ... 89
JOACHIM H. MÜLLER: Bilder ... 97/141
PETRA BLUME: Bilder ... 103/112
THOMAS RIESNER: Bild ... 112
KARSTEN KIRSCHKE: Nicht länger in der Sprachlosigkeit gefangen und Bilder ... 118 ff.
NADINE SCHRÖDER: Tür zu ... 124
ARNHILD KÖPCKE: Bild ... 125
CHRISTIAN SAWATZKI: Schlager ... 126
LISA URBAN: Bilder ... 128/154/169
REGINA SIEDLER: Bild ... 148
SIBYLLE PRINS: Foto ... 166
GUSTAV MESMER: Bild ... 200
HARTMUT SELLE: Zufall? ... 201
AGRI MAENNER: Deine Zeichen ... 204
REGINA SCHMICK: Bild/Gedicht: Helden ... 210-212

Kurzgeschichten & kurze Geschichten

KERSTIN SCHNEIDER: Eine »irre« Geschichte ... 26
Florian Wacker: Nachtwache ... 206

Buchbesprechungen · Anhang

CHRISTINE ROBLEDO zu Reinhard Lütjen: »Psychosen verstehen« ... 213
SABINE MARYA zu Didi Lindewald: »Trauma-Labyrinth« ... 215
JÜRGEN BLUME zu J. Hargens, B. Hansen-Magnusson, Ernst Hansen-Magnusson: »Psychotherapie und Medizin« ... 216
VERA BIERWIRTH zu Marie Boden/Doris Molke: »Krisen bewältigen, Stabilität erhalten, Veränderungen ermöglichen« ... 218
JÜRGEN BLUME zu Richard Wolf: »Lisa, Elisa, Anabelle« ... 220

Herzlichen Dank an die Autorinnen und Autoren ... 221
Schreibaufruf: Brückenschlag Band 26/2010 ... 227

Leseprobe

Es hat sich wirklich viel verändert. Längst sind die Krankensäle der Psychiatrie kleinen Mehrbettzimmern mit sanitärem Komfort gewichen. Die Psychiatrie-Erfahrenen haben sich wie die Angehörigen psychisch Kranker organisiert, haben einen Bundesverband gegründet. Wir leben in einer Zeit des Trialogs und der Psychoseseminare. Betroffene sitzen in vielen Gremien, wenn auch manchmal immer noch in Alibifunktion. Es wird von „gleicher Augenhöhe“ geredet. Die in der Psychiatrie Tätigen hören uns zu und manchmal auch auf uns. Wir werden mit unserer Erkrankung nicht mehr alleine gelassen. Psychoedukation, Sozialpsychiatrische Dienste und ein ganzes Heer von Helfern sind entstanden, um uns nach der Klinik Teilhabe am Leben der Gesellschaft zu ermöglichen oder einen erneuten Klinkaufenthalt zu vermeiden. Manchmal frage ich mich allerdings, ob so viel Unterstützung – als Nebenwirkung – viele von uns nicht träge macht und eine ungute „Versorgungspassivität“ bewirkt. Anders kann ich mir nicht erklären, weshalb Themen wie Empowerment, Recovery oder Selbststigmatisierung bei den Professionellen auf mehr Resonanz stoßen als bei uns Betroffenen. Inzwischen arbeite ich aktiv im Vorstand des Nürnberger Selbsthilfevereins Pandora. Es gilt immer noch viele Barrieren in den Köpfen unserer Mitbürger einzureißen und leider auch in den Köpfen mancher Psychiater. Dass ich acht Jahre lang heftig an einer Psychose aus dem schizophrenen Formenkreis gelitten habe, gehört längst zu meinem Selbstverständnis. Es ist ein Teil meines Lebens, den ich nicht vor mir hertrage, aber auch nicht verstecke. Ich betrachte es einfach als Zusatzqualifikation. 33 Jahre Psychiatrieerfahrung als Kranke, Professionelle und Ehrenamtliche haben mich gelehrt, in jedem Erkrankten und jedem Professionellen eine einzigartige Persönlichkeit zu sehen. Ich bin überzeugt, dass keine Psychose der anderen gleicht. DEN Psychotiker gibt es für mich ebenso wenig wie DEN Angehörigen oder DIE gesprächslose Psychiatrie. Immer sind es einzelne Menschen, die unter bestimmten Umständen einander begegnen. Brigitte Richter

Rezension

Ein neuer Brückenschlag – Zeitschrift für Sozialpsychiatrie ist erschienen. Wie der Zeitschriftentitel sagt: Es ist ein Heft für die Sozialpsychiatrie, insofern sind die meisten Beiträge, insbesondere diejenigen der Profis, ausnahmslos sozialpsychiatrisch geprägt, d.h. sie schließen eine kritische Betrachtungsweise der eigenen Weltsicht von vornherein aus, da sie Sozialpsychiatrie an sich für kritisch genug halten. Dennoch sind in dem Heft einige Beiträge enthalten jenseits dieser ideologischen Grenzen: u.a. Dorothea Bucks Rede bei der Gedenkveranstaltung für die Opfer der "Euthanasie" und Zwangssterilisation während des Nationalsozialismus vom 8. September 2008 in Berlin; Brigitte Richters "Meine Psychose gehört mir", in dem sie auf 33 Jahre Erfahrung als Psychiatriebetroffene, dann psychosozial Tätige und Ehrenamtliche zurückblickt und sich vehement gegen die in dem Band ansonsten gerne verwendete Schublade "des Psychotikers" wendet; Christine Wiedemanns Bericht von ihrer Ex-In-Ausbildung, die ihr zur Reflexion, Stärkung des Selbstwertgefühls, Stelle auf 400-€-Basis und Lehrauftrag verhilft; Karsten Kirschkes mit sehenswerten Zeichnungen bebilderte kurze und prägnante Beschreibung, wie er mit künstlerischen Zeichnungen seine Paranoia fixiert und gleichfalls entzaubert; Marina Gerdes' "Wirklich wahnsinnig" - ein Artikel, in dem sie auf ihre katastrophale Kindheit mit Missbrauch und religiöser Indoktrination, nachfolgender Psychose und deren Überwindung eingeht, indem sie ....... Aber lesen Sie doch besser selbst. (Peter Lehmann, FAPI-Nachrichten)