Allen Frances
Normal – Gegen die Inflation psychiatrischer Diagnosen

CoverTaschenbuch, 430 Seiten, 13,5 x 20 cm, ISBN 978-3-8321-6269-6. Köln: DuMont Buchverlag 2014. € 12.– / Preis in sFr / sofort lieferbar oder Bestellung mit Formular
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Buch zur überhandnehmenden Pathologisierung allgemein-menschlicher Verhaltensweisen und die dahinter steckenden Interessen – geschrieben von einem Insider, der als Co-Autor an der Entwicklung der psychiatrischen Diagnosefibeln ›DSM 3‹ und ›DSM 4‹ maßgeblich beteiligt war. Aus dem Englischen von Barbara Schaden. Amerikanische Erstveröffentlichung 2013, deutsche Erstveröffentlichung 2013

Original-Verlagsinfo

1980 hielt man einen Menschen für normal, wenn er ein Jahr lang um einen nahen Angehörigen trauerte. 1994 empfahl man Psychiatern mindestens zwei Monate Trauerzeit abzuwarten, bevor man Traurigkeit, Schlaflosigkeit, Konzentrationsstörungen und Apathie als behandlungsbedürftige Depression einstufte. Mit dem neuen Katalog psychischer Störungen ›DSM 5‹ wird ab Mai 2013 empfohlen, schon nach wenigen Wochen die Alarmglocken zu läuten.

Vor einer Inflation der Diagnosen in der Psychiatrie warnt deshalb der international renommierte Psychiater Allen Frances. Er zeigt auf, welche brisanten Konsequenzen die Veröffentlichung haben wird: Alltägliche und zum Leben gehörende Sorgen und Seelenzustände werden als behandlungsbedürftige, geistige Krankheiten kategorisiert. Verständlich und kenntnisreich schildert Allen Frances, was diese Änderungen bedeuten, wie es zu der überhandnehmenden Pathologisierung allgemein-menschlicher Verhaltensweisen kommen konnte, welche Interessen dahinterstecken und welche Gegenmaßnahmen es gibt.

Ein fundamentales Buch über Geschichte, Gegenwart und Zukunft psychiatrischer Diagnosen sowie über die Grenzen der Psychiatrie – und ein eindrückliches Plädoyer für das Recht, normal zu sein.

Über den Autor

Allen Frances ist emeritierter Professor für Psychiatrie und Verhaltensforschung und lehrte an der Duke University. Er ist einer der profiliertesten Psychiater weltweit. Als Koautor war er an der Entwicklung der psychiatrischen Standardwerke ›DSM 3‹ und ›DSM 4‹ maßgeblich beteiligt. Neben Fachartikeln veröffentlicht er u. a. in The Los Angeles Times, The New York Times, The Huffington Post und Pathology Today und ist international gefragter Redner. Er lebt in Coronado, Kalifornien.

Pressestimme

„Der Mann kennt sich aus – an der vierten DSM-Ausgabe hat er als APA-Funktionär noch maßgeblich mitgewirkt. Jetzt gibt sich Frances geläutert und kritisiert wie kein zweiter die neuen Seelenleiden der Krankheitserfinder.“ SPIEGEL

Buch zur überhandnehmenden Pathologisierung allgemein-menschlicher Verhaltensweisen und die dahinter steckenden Interessen - geschrieben von einem Insider, der als Co-Autor und Funktionär des US-amerikanischen Psychiaterverbands an der Entwicklung der psychiatrischen Diagnosefibeln "DSM 3" und "DSM 4" ("Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders" / "Diagnostisches und statistisches Handbuch psychischer Störungen") maßgeblich beteiligt war. Eigentlich ist Allen Frances, emeritierter Professor für Psychiatrie und Verhaltensforschung, ein konservativer Psychiater, der an "Schizophrenie", die erbliche Bedingtheit psychischer "Krankheiten" etc. glaubt. Was seine Kollegen mit der neu erschienenen Fibel "DSM 5" gemacht haben, geht ihm aber zu weit. Viel zu viel psychische Probleme seien als Krankheiten neu aufgenommen worden, die Grenze zwischen natürlichem Verhalten und krankhafter Psyche verschwinde zunehmend, die Macht der Pharmaindustrie nehme beängstigend zu, die intensive Pharmawerbung in Arztpraxen und in Direktwerbung beim allgemeinen Publikum - in den USA erlaubt - führe zu einem massiven Hochschnellen der Diagnoseraten und zu entsprechenden Verkaufsziffern. (In einem Zeitungsinterview zum Buch spricht Frances davon, dass in den USA derzeit 83% aller Kinder mit einer psychiatrischen Diagnose leben.) Eingebettet in eine Übersicht über Modekrankheiten der Vergangenheit (wie Besessenheit, Tanzwut, Vampirhysterie) kritisiert er moderne Modekrankheiten wie das Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom, bipolare Störungen in der Kindheit (schon bei Zweijährigen) oder soziale Phobie – Verhaltensprobleme, die durch die diagnostische Festlegung als psychische Störung mit Diagnosenummer im Interesse der Pharmafirmen zu massiven Profiten auf Kosten der Allgemeinheit führen und die Betroffenen – Menschen mit normalen Problemen, aber "falscher" Diagnose – in einen Teufelskreis aus Stigmatisierung, Selbststigmatisierung und möglicherweise lebenslanger Pharmaabhängigkeit bringen. Neben der Neuaufnahme konstruierter Krankheiten sei zudem die Schwelle für einige psychische Störungen wesentlich herabgesetzt worden. Früher hätte man beispielsweise nach dem Tod eines geliebten Menschen lange trauern können, was als normal empfunden worden wäre; wer heute aber nach zwei Wochen noch traurig ist mitsamt den Trauersymptomen wie Appetitlosigkeit und schlechtem Schlaf, sei dem "DSM 5" zufolge als krankhaft depressiv zu diagnostizieren. Aus Kindern mit Wutanfällen würden bipolare Patienten, aus schussligen Alten Demenzkranke etc. Begrenzt vorhandene Gelder gingen zur Behandlung einfacher Verhaltensprobleme drauf und würden schließlich zur Behandlung "echter" Krankheiten fehlen, ein Skandal in Frances' Augen. Wer darauf wartet, dass Frances die um durchschnittlich zwei bis drei Jahrzehnte reduzierte Lebenserwartung psychiatrischer Patienten zum Thema macht, die grundsätzliche wissenschaftliche Fragwürdigkeit von psychiatrischen Standarddiagnosen wie "Schizophrenie" oder Menschenrechtsverletzungen per gewaltsamer Verabreichung von Psychopharmaka und Elektroschocks, der sollte wissen, dass dies alles nicht im Buch erscheint. Die fast 400 Seiten Abhandlung über das Manipulieren von Diagnosekriterien durch seine Kollegen sind jedoch ausgesprochen lesenswert, da von einem absoluten Insider geschrieben, der nach seiner Pensionierung nichts mehr zu verlieren hat. Zudem ist das Buch – obwohl von einem Psychiater verfasst – flüssig und auch für Menschen ohne medizinische Ausbildung leicht verständlich geschrieben. Wer den Einstieg sucht, um sich mit psychiatrischen Diagnosen kritisch auseinanderzusetzen, für den ist dieses Buch unbedingt lesenswert. (Peter Lehmann, FAPI-Nachrichten)