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Johannes Michael Grill
ZANUSSI oder der Wunsch nach einem selbstbestimmten Leben. Erzählung, Verse und Fragmente

CoverGebunden, 112 Seiten, 1 Foto, 24,5 x 16,5 cm, ISBN 978-3-89797-124-0. Grevelsberg: EHP (Edition Humanistische Psychologie) – Verlag Andreas Kohlhage 2020. € 27.99 / Preis in sFr / sofort lieferbar In den Warenkorb   [oder Bestellung mit Formular – Best.Nr. 968]


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Buch mit lyrischen Texten sowie der biographisch angelehnten Ich-Erzählung »Brennende Bilder«, in der die Hauptperson »Hannes Zanussi« in drastisch-drallen Worten beschreibt, wie er als widerspenstiger junger Mann von der Münchner Polizei jeweils aus nichtigem Anlass, unter entwürdigenden Umständen und mit brutalen Methoden in die Psychiatrie verbracht wird, wie gleichgültig und desinteressiert Unterbringungsrichter und Betreuer Entscheidungen der Psychiater abnicken und wie sein Bruder die Psychiatrisierung nutzt, um ihn als angeblichen Nichtsnutz ums Erbe zu bringen. Eingeleitet und mit einem editorischen Nachwort versehen von Hans-Jürgen Heinrichs. Originalausgabe

Original-Verlagsinfo

»Was wären Sie gerne?« – »Schriftsteller«, antwortete Zanussi. »Wollen Sie etwa die Welt retten?« – »Ja … nein …« – »Und warum haben Sie nicht längst damit angefangen?« – »Weil ich Angst vor der Einsamkeit habe.« (aus "Brennende Bilder" in diesem Band)

Literatur aus der Psychiatrie? Texte aus dem Klinikalltag? Kunst als Therapeutikum? Zum wiederholten Male, was wir seit Navratil und Prinzhorn immer wieder einmal lesen? Nein – die Schriften in der sorgfältigen Edition von Hans-Jürgen Heinrichs leisten gleichzeitig die Dinge: Sie erschließen ein Stück Literatur, dass trotz der zunehmenden psychischen Beeinträchtigung des Autors entstehen konnte; sie konfrontieren uns mit existenzieller Fragen (wie jede interessante Literatur); und gleichzeitig erschließen sie Fragen, die nur in dem spezifischen Zwischenraum von Krankheit und Gesundheit entstehen können, an der für jede Erkenntnis so wichtigen Grenze.

»Der Begriff "Identität" – die Festlegung auf ein Ich – suggeriert immer eine Einheit, etwas Homogenes und Geschlossenes. Dies aber ist eine Illusion. Sie verdeckt das dahinter liegende Heterogene, Vielgestaltige. Wie viele andere Ich-Anteile in jedem Menschen lebendig und virulent sind, offenbaren ebenso die Träume wie irrationale Handlungen, die uns selbst als fremd und fremdartig, ja befremdlich vorkommen mögen. Es ist der große Vorteil des Künstlers und Schriftstellers, sich die Freiheit des Spiels mit vielen Ichs und Phantasie-Namen nehmen zu können, entspricht dies doch zumeist dem ihm zugestandenen Schöpferischen. Dass sich Johannes Michael Grill auf diesem Terrain zuhause und mit sich selbst vertraut fühlte, zeigen seine literarischen Entwürfe.«

Eine Sammlung für den literarisch Interessierten wie für den psychologisch und psychotherapeutisch interessierten Leser – und gleichzeitig ein von den Freunden des Autors ermöglichte Form des "Überlebens" des Autors.

Der Autor

Johannes Michael Grill (* 15.10.1955; † zwischen dem 17. und 19.2.2017) wurde in München in eine religiöse Familie hineingeboren. Ein Großvater war evangelischer Oberkirchenrat, und sakrale Musik, Hausmusik und Konzertbesuche prägten ihn früh. Vor diesem bildungsbürgerlichen Hintergrund entstanden erste Erwartungen der Familie an seine Entwicklung mit dem Ziel eines »angemessenen « Berufswegs, die ihn in einem dauerhaften Konflikt zwischen eigenen künstlerischen sowie den bürgerlichen Ansprüchen seiner Familie gefangen hielt. Nach dem erfolgreichen Abschluss des humanistischen Münchener Theresiengymnasiums studierte er Medizin und unternahm umfangreiche Reisen nach Asien, Südamerika und in die USA. In dieser Zeit verfestigte sich seine Affinität zu Theater, Film und Literatur, und es begann der Kampf um die eigene Identität und Würde, zusätzlich belastet durch Krankheiten, Konflikte in der Familie, den frühen Tod der Eltern und Zwangseinweisungen in die Psychiatrie. Seine Schriften entstanden über lange Zeiträume hinweg, immer wieder unterbrochen durch gravierende psychische Beeinträchtigungen. Voraussetzung für seine literarische Produktion scheint ein Grundzug seiner Persönlichkeit zu sein, eine Art heiterer Gelassenheit. In dieser Gelassenheit fand man ihn in seinem Lieblingssessel mit abgebrannter Zigarette und der stets präsenten Tasse Kaffee, und seine Visitenkarte vermerkte die Berufsbezeichnung ›Privatier‹. Die Todesursache wurde nie festgestellt, aber ihm bleibt ein Moment des Triumphs, etwas, was ihn selbst überleben sollte – und ihm mindestens einstweilen zum Überleben verhalf: sein Werk "Zanussi".

Der Herausgeber

Hans-Jürgen Heinrichs, deutscher Ethnologe und Schriftsteller, Herausgeber und Übersetzer. Seit 1973 erste Publikationen; Reisen und Forschungsreisen in den Vorderen Orient, nach Afrika, auf die Osterinsel und in den Pazifik. Von 1980 bis 1984 Gründer und Verleger (Qumran Verlag für Ethnologie und Kunst, Frankfurt a. M. / Paris, später Edition Qumran). Beiträge für literarische, kulturkritische und psychoanalytische Zeitschriften und für große Tageszeitungen in Deutschland, Schweiz und Österreich. Zahlreiche Lehrveranstaltungen und Gastvorträge im In- und Ausland sowie Organisation verschiedener Fachkongresse sowie Seminartätigkeit. 2010 auf Einladung des Bundespräsidenten Eröffnung der Berliner Musikfestspiele in Schloss Bellevue mit dem Vortrag »Vom Eigenen und Fremden und vom Wert der Differenz«. Seit 2012 im Weltkulturenmuseum in Frankfurt a. M. ein Raum für das Archiv des Qumran Verlags mit der Dokumentation seiner interdisziplinären Arbeit. Zahlreiche Veröffentlichungen, zuletzt: 'Fremdheit. Geschichten und Geschichte der großen Aufgabe unserer Gegenwart' (2019).

Rezension

Johannes Michael Grill war ein 1955 in München geborener Psychiatriebetroffener, der 1998 erstmals psychiatrisiert wurde, eine typische Patienten-»Karriere« mit insgesamt zehn Einweisungen in das BKW.Haar/Isar-Amper-Klinikum und entsprechender Neuroleptikaverabreichung über sich ergehen lassen musste und 2017 tot in seiner Wohnung aufgefunden wurde, Todesursache offenbar »unbekannt«. Zwischendurch verfasste er unter unterschiedlichen Namen diverse Texte, auch lyrische. Einer Initiative von Gerd Westermayer und seinen Freunden ist es zu verdanken, dass seine Texte nun in der Edition Humanistische Psychologie – gleichsam als Wiedergutmachung für das erlittene Unrecht – als Buch veröffentlicht wurden, und zwar in einem bemerkenswert schön aufgemachten Band – eingeleitet und mit einem editorischen Nachwort versehen von Hans-Jürgen Heinrichs. Die erste Hälfte des Buches besteht aus lyrischen Versen und Fragmenten. Die zweite aus »Brennende Bilder«, einer Ich-Erzählung, in der die Hauptperson »Hannes Zanussi« in drastisch-drallen Worten beschreibt, in welch bigotter Familie er aufwächst, wie er als widerspenstiger junger Mann in Konflikt mit der Polizei kommt und von dieser jeweils aus nichtigem Anlass, unter entwürdigenden Umständen und mit brutalen Methoden in die Psychiatrie verbracht wird, wie gleichgültig und desinteressiert Unterbringungsrichter und Betreuer Entscheidungen der Psychiater abnicken und wie sein Bruder die Psychiatrisierung nutzt, um ihn als angeblichen Nichtsnutz ums Erbe zu bringen. Weshalb die näheren Umstände des Todes von Johannes Michael Grill weder im Vorwort noch im Nachwort thematisiert werden, bleibt das Geheimnis des Herausgebers Hans-Jürgen Heinrichs. Er ist Ethnologe, der Sozialpsychiatrie zugeneigt und hat vermutlich keine Kenntnisse von der potentiell lebensverkürzenden Wirkung moderner Psychopharmaka. Insofern fehlen Angaben zu den Substanzen, die Johannes Michael Grill vor seinem Tod eingenommen hat. Man fand diesen zuhause in seinem Lieblingssesel mit nicht abgebrannter Zigarette. Dies weist auf einen plötzlichen Herztod hin – eine bekannte »Nebenwirkung« von Antidepressiva und Neuroleptika. (Peter Lehmann, FAPI-Nachrichten)