Hartwig Hansen (Hg.)
Der Sinn meiner Psychose – Zwanzig Frauen und Männer berichten

CoverKartoniert, 194 Seiten, 14,8 x 21 cm, ISBN 978-3-940636-24-9. Neumünster: Paranus Verlag, 2. Auflage 2014. € 19.95 / Preis in sFr / sofort lieferbar oder Bestellung mit Formular

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Katharina Coblenz-Arfken, Karla Kundisch, Peter Mannsdorff, Jan Michaelis, Sibylle Prins, Gaby Rudolf, Reinhard Wojke und 13 weitere Psychiatriebetroffene beschreiben in persönlichen Beiträgen, wie sie dem Sinn ihrer Psychose auf die Spur gekommen sind und warum sie ihre besonderen Erfahrungen als Bereicherung erleben. Originalausgabe 2013

Original-Verlagsinfo

Lange galten die Schizophrenie bzw. Psychosen als in sich sinnlose, unheilbare Gehirnkrankheiten, denen ausschließlich mit Medikamenten begegnet werden kann. Mittlerweile steht dieser überholten, noch immer weit verbreiteten Doktrin das Erfahrungswissen zahlreicher Betroffener gegenüber, die in ihren Psychosen einen Sinn gefunden haben.

Sie sagen: Erst als ich offen wurde, um auf die Suche nach der für mich stimmigen „Botschaft“ meiner Erkrankung zu gehen, konnte ich die mal ängstigenden-verstörenden, mal inspiriert-euphorischen Erlebnisse in mein Leben integrieren. In diesem Buch berichten zwanzig Frauen und Männer, wie sie dem Sinn ihrer Psychose auf die Spur gekommen sind und warum sie ihre besonderen Erfahrungen als Bereicherung erleben. Mit Beiträgen von: Marina Gerdes, Reinhard Wojke, Anja Hesse, Tuula Rouhiainen, Peter Mannsdorff, Anna P., Stephan Eberle, Elisabeth T., Gwen Schulz, Klaus Nuißl, Karla Kundisch, Sibylle Prins, Martin Stoffel, Britta Geishöfer, Katharina Coblenz-Arfken, Jan Michaelis, Arnhild Köpcke, Wolfgang Drüding, Gaby Rudolf und Svenja Bunt

Aus dem Schreibaufruf zu dem Buch: "Der Sinn meiner Psychose":

– „Das sind Halluzinationen, die nicht der Wirklichkeit entsprechen. Sie sollten sich ausruhen.“
– „Ich gebe Ihnen eine Tablette, dann geht es Ihnen wieder besser.“
– „In diesem Zustand kann ich nicht mit Ihnen reden.“
– „Sie haben eine Erkrankung des Hirnstoffwechsels. Damit müssen Sie lernen zu leben und es wird nicht ohne Medikamente gehen ...“

Solche oder ähnliche Sätze fallen wohl täglich in deutschen (Akut)Psychiatrien.
Nach wie vor lautet die medizinische Lehrmeinung: Psychosen sind Krankheiten, die mit Medikamenten so eingedämmt und beherrscht werden müssen, dass die Betroffenen einigermaßen damit leben können. Eine Heilung ist ausgesprochen unwahrscheinlich.

Psychoseerfahrene Menschen selbst erleben es oft anders: Vielleicht brauche ich in den akuten Angstzuständen, in der absoluten Krise der Verwirrung, Hilfe durch Medikamente, aber vor allem möchte ich verstehen, was da in und mit mir vorgeht.
Um das ausloten, erforschen, verstehen zu können, brauche ich menschliche Begleitung, der ich vertrauen kann, die erreichbar und verlässlich ist, die mir Mut macht, die an mich glaubt, die mich vielleicht auch fragt und konfrontiert, die mir aber vor allem beisteht in schweren Zeiten und die Hoffnung (stellvertretend für mich) nicht verliert.

Sie berichten davon, dass für diese Wünsche psychiatrische (Akut)Kliniken in der Regel denkbar ungeeignete Orte sind, sodass sie sie meiden, weil sie sich dort eben nicht aufgehoben und verstanden fühlen und oft sogar das Gegenteil erlebt haben.
Wenn sie andere Wege suchen und die gewünschte konstruktive Begleitung zum Beispiel durch Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten ihres Vertrauens oder auch durch andere psychoseerfahrene Menschen finden, dann sagen sie vielleicht über sich:
Ich habe mich auf die Suche danach gemacht, was „meine Psychose mir sagen will“.
Ich bin dahintergekommen, warum gerade ich mit meiner persönlichen Geschichte so etwas erlebt habe, welchen Sinn meine Psychose für mich hat, worauf sie mich hinweist, was ich in Zukunft in meinem Leben, im Umgang mit mir und meinen Mitmenschen ändern sollte, um zufriedener zu werden.
Ich weiß nicht, ob das nun „Heilung“ bedeutet, vielleicht werde ich auch in Zukunft Psychosen durchleben, aber ich kann gelassener mit ihnen umgehen, weil ich schon ein paar Antworten gefunden habe.
Vielleicht werde ich mich (auch) in Zukunft mit Medikamenten „abschirmen“, wenn es zu heftig wird, vielleicht werde ich mich auch für eine regelmäßige medikamentöse Unterstützung entscheiden, aber das möchte ich selbst bestimmen und traue es mir jetzt auch zu.

Der alten Doktrin der Schizophrenie bzw. der Psychosen als in sich sinnlose, unheilbare Gehirnkrankheiten, denen ausschließlich mit Medikamenten begegnen werden kann, steht mittlerweile das vielfache Erfahrungswissen zahlreicher Betroffener gegenüber, deren Fazit lautet:
Erst als ich offen wurde, um auf die Suche nach der für mich stimmigen „Botschaft“ meiner Erkrankung zu gehen, konnte ich die mal ängstigenden-verstörenden, mal inspiriert-euphorischen Erlebnisse in mein Leben integrieren.
Es gibt keine Garantie, aber es lohnt sich, diese individuellen Erfahrungen von gelingender „Sinnsuche“ zu beschreiben und öffentlich zu machen.
Das könnte helfen, die alte Doktrin noch weiter aufzuweichen und angemessenere Unterstützungsangebote zu verwirklichen.
Dafür soll dieses Buch entstehen, in dem ca. zwanzig psychoseerfahrene Menschen ihren persönlichen Sinnsuche-Weg beschreiben, auf dem sie nicht (alleine) auf die Pharmazie vertraut, sondern sich konstruktive Begleitung (Selbsthilfegruppen, EX-IN, Psychotherapie etc.) gesucht haben.

Über den Herausgeber

Hartwig Hansen, Jg. 1957, Diplompsychologe, lebt in Hamburg und arbeitet dort als Publizist, Fachlektor, Paar- und Familientherapeut und Supervisor. Zahlreiche Buchveröffentlichungen als Autor und Herausgeber.

Weitere Bücher herausgegeben von Hartwig Hansen im Antipsychiatrieversand: Höllenqual oder Himmmelsgabe? – Erfahrungen von Stimmen hörenden Menschen

Inhaltsverzeichnis (mit den jeweils ersten Sätzen der Beiträge)

Hartwig Hansen
Eine überfällige Idee
Fritz Bremer und ich sind bei Dorothea Buck eingeladen. ...

Marina Gerdes
Meine Psychose bin ich selbst
Ich bekenne. Ich war oft psychotisch. Es ist Freiheit für mich, das hier in diesem Rahmen aufzuschreiben. ...

Reinhard Wojke
Der Weg des Herzens
und wie meine Psychose mich dabei begleitet hat

Ich erinnere mich an ein Erlebnis aus meiner Kindheit, das mein Leben stark und nachhaltig verändern sollte. ...

Anja Hesse
Es fließt. Ganz langsam.
Es ist Leben, es ist Kraft.

Mein letzter, siebter, stationärer Aufenthalt ist anderthalb Jahre her. ...

Tuula Rouhiainen
Andere Menschen kann ich nicht ändern – nur mich selbst
Seit ca. vierzig Jahren lebe ich in Hamburg, aber richtig zu Hause bin ich in Finnland. ...

Peter Mannsdorff
Die Kleinfamilie – eine illustre Staatengemeinschaft
Ich habe die Adresse eines Psychoanalytikers in der Innenstadt bekommen. ...

Anna P.
Das Rätsel der Sphinx
Wer des Lichts begehrt, / muss ins Dunkel gehn. / Was das Grauen mehrt, / lässt das Heil erstehn. ...

Stephan Eberle
Ein nächtlicher Albtraum – Vorbote der Morgendämmerung
Dies ist die Geschichte meiner psychischen Heilung in einer sehr gerafften Form. ...

Elisabeth T.
„Sag du es ihr“, sagt die Seele zum Körper, „auf mich hört sie nicht.“
Immer wieder denke ich daran, wie Dorothea Buck ihr psychotisches Erleben gedeutet hat.

Gwen Schulz
Davonfliegen und autonom werden
Bevor ich über den Sinn meiner Psychose schreibe, möchte ich behaupten, dass jede Psychose Sinn macht. ...

Klaus Nuißl
Krankheit ist ein Weg, zu den richtigen Fragen zu gelangen
Meine erste Psychose kam, als ich 19 Jahre alt war. ...

Karla Kundisch
Erst mal hören ...
einen Vogel haben / schön war es / wie im Traum war es ...

Sibylle Prins
Auf der Suche nach dem Paradies
Auf den Gedanken, meine psychotischen Erlebnisse könnten „sinnlos“ gewesen sein,
bin ich überhaupt nie gekommen. ...


Martin Stoffel
Was macht ein gläubiger Kranker in einem Heilsystem,
das den Glauben ausschließt?

„Vielleicht bist du es“, sagt sie, „der Prophet mit dem direkten Draht.“ ...

Britta Geishöfer
Spurensuche
Dass ich da etwas Zukunftsweisendes und mein bisheriges Leben Umstürzendes erlebt hatte, war mir durchaus bewusst, auch während der Erfahrung selbst, die später von Ärzten als Psychose bezeichnet wurde. ...

Katharina Coblenz-Arfken
Worte finden statt Pillen, aufdecken statt zudecken
Wieder liegt ein Einbruch hinter mir. Wer schüttet ihn zu? ...

Jan Michaelis
Die Schöne und das Biest
Wenn ich meiner Frau die Frage stelle, welchen Sinn meine Psychose macht, so gibt sie eine Antwort wie aus der Pistole geschossen: „Unsere gestärkte Liebe.“ ...

Arnhild Köpcke
Der Sinn liegt im Zwischen
Nichts Menschliches ist mir fremd. ...

Wolfgang Drüding
Befreiung
Ich bin gesund. Und ich war es immer. ...

Gaby Rudolf
Spiritualität ist die kostbarste Perle meiner Psychoseerfahrung
Erstmals psychotisch wurde ich neunzehnjährig, kurz nachdem ich das erste Zwischendiplom des Chemiestudiums bestanden hatte. ...

Svenja Bunt
Ich weiß, dass meine Psychose heilend war
Vor einigen Jahren zerbrach meine Welt. ...

Hartwig Hansen
Sinn, Sinn und Sinn
Liebe Leserin, lieber Leser, erinnern Sie sich noch daran, ...

Rezension

"Lange galt die Schizophrenie als in sich sinnlose, unheilbare Gehirnkrankheit, der ausschließlich mit Medikamenten begegnen werden kann", schreibt der Herausgeber Hartwig Hansen auf der hinteren Umschlagseite des von Dorothea Buck inspirierten und von ihm im sozialpsychiatrisch orientierten Paranus Verlag herausgegebenen Buchs. Als Autorinnen und Autoren lud Hansen Menschen ein, die in der Vergangenheit im – ebenfalls im Paranus Verlag erscheinenden – Brückenschlag Beiträge veröffentlicht hatten, womit die Weite des Denkhorizonts vorgegeben war: schließlich galten diesen Beitragschreibern Psychosen schon lange nicht mehr als sinnlose Symptome von Hirnstörungen. 1983 hatte Tina Stöckle in ihrem antipsychiatrischen Buch "Die Irren-Offensive – Erfahrungen einer Selbsthilfe-Organisation von Psychiatrieopfern" Mitglieder der damaligen Irren-Offensive Berlin zu Wort kommen lassen und aus den Interviews Kriterien einer Alternative zur Psychiatrie entwickelt, wozu sie explizit die Suche nach dem Sinn des Wahnsinns, einem Ernstnehmen des Verrücktseins und die Auseinandersetzung damit zählte. Sieben Jahre später gab Dorothea Buck ihrem Buch "Auf der Spur des Morgensterns" den programmatischen Zusatztitel "Psychose als Selbstfindung". Während es Tina Stöckle um die radikale Befreiung vom psychiatrischen Einfluss ging und um den Kampf gegen psychiatrische Menschenrechtsverletzungen, fordert Hartwig Hansen 30 Jahre danach ausschließlich eine Weiterentwicklung der Psychiatrie, die dem Sinn von Psychosen mehr Bedeutung einräumt und mehr Beachtung schenkt. Scheinbar liegen diese beiden Positionen weit auseinander. Doch auch eine Haltung, die sich primär der Suche nach dem Sinn des Wahnsinns verpflichtet fühlt, ist Sand im Getriebe des psychiatrisch-industriellen Komplexes im Zeitalter der boomenden Neurobiologie, die den Menschen mit seiner Gefühlswelt (psychische Probleme eingeschlossen) auf biochemische Vorgänge reduziert. Angesichts der gigantischen Kapitalinteressen im psychosozialen Bereich ist nun nicht damit zu rechnen, dass "Der Sinn meiner Psychose" den großen Umbruch in der Psychiatrie bewirkt. Aber Psychiatriebetroffenen, die noch an die biologische Verursachtheit aller Psychosen glauben, kann das Buch die Augen öffnen und sie dahin bringen, sich selbstkritisch alleine, in der Selbsthilfegruppe oder in der Psychotherapie damit auseinanderzusetzen, weshalb und wann sie ausrasten und was die Symptome zu bedeuten haben, gilt es doch, wieder Herr oder Frau über das eigene Leben zu werden. Katharina Coblenz-Arfken, Karla Kundisch, Peter Mannsdorff, Jan Michaelis, Sibylle Prins, Gaby Rudolf, Reinhard Wojke und 13 weitere Psychiatriebetroffene beschreiben in persönlichen Beiträgen, wie sie dem Sinn ihrer Psychose auf die Spur gekommen sind und warum sie ihre besonderen Erfahrungen als Bereicherung erleben. Das Buch enthält insgesamt 20 unterschiedliche Erfahrungsberichte und Reflexionen von Betroffenen über den Sinn und die Inhalte ihrer Psychosen, ihr Zustandekommen, ihre Auslöser, ihre Verarbeitung und ihre Konsequenzen – dankenswerterweise ohne jegliche Interpretation des Herausgebers. So bleibt den Leserinnen und Lesern die Möglichkeit, sich bei der Lektüre dieses vielstimmigen Buches ein eigenes Urteil zu bilden. (Peter Lehmann, FAPI-Nachrichten)