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Markus Hedrich
Medizinische Gewalt – Elektrotherapie, elektrischer Stuhl und psychiatrische »Elektroschocktherapie« in den USA, 1890-1950

CoverKartoniert, 343 Seiten, 23 schwarz-weiße Abbildungen, 6 Tabellen, 14,8 x 22,5 cm, ISBN 978-3-8376-2802-9. Bielefeld: transcript Verlag 2014. € 34.99 / Preis in sFr / sofort lieferbar In den Warenkorb  [oder Bestellung mit Formular – Best.Nr. 952]
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Faktenreiches Buch darüber, wie sich in den USA der elektrische Stuhl 1888/89 aus der psychiatrischen Anstalts-Elektrotherapie entwickelte und dieser ab 1940 die Übernahme und Weiterentwicklung der sogenannten "Elektroschocktherapie" beförderte. Aktualisierte Version von Markus Hedrichs Dissertation an der Philosophischen Fakultät der Universität zu Köln von 2013. Originalausgabe

Original-Verlagsinfo

Die »Elektroschocktherapie« (EST) erlebt aktuell auch in Deutschland ein – wenn auch hoch umstrittenes – Comeback. Markus Hedrich spürt den hiermit verbundenen diskursiven Verflechtungen von Körper, Elektrizität und staatlicher Gewalt nach. Er zeigt, dass der elektrische Stuhl 1890 eine Folgeentwicklung aus der psychiatrischen Elektrotherapie war – und wiederum ab 1940 die Einführung der EST in den USA befördert hat. Streng restringierte Krankenakten erlauben zudem erstmals eine Analyse der »Elektroschocktherapie« im forensischen Stationsalltag, was tiefe Einblicke in die Dialektik von staatlicher Gewalt und Individuum – und damit in die conditio humana – erlaubt.

Über den Autor

Markus Hedrich (Dr. phil.) lebt als freier Autor in Hamburg und arbeitet an diversen geschichtswissenschaftlichen Projekten.

Stimme zum Buch

Bei diesem Buch handelt es sich um eine aktualisierte faktenreiche geschichtswissenschaftliche Dissertation an der Philosophischen Fakultät der Universität Bonn von 2013 darüber, wie sich in den USA der elektrische Stuhl 1888/89 aus der psychiatrischen Anstalts-Elektrotherapie entwickelte und dieser ab 1940 wiederum die Übernahme und Weiterentwicklung der sogenannten Elektroschocktherapie beförderte - beides vor dem Hintergrund rassistisch-eugenischen Gedankenguts in der Kriminologie und Psychiatrie. Dem Autor gelang es in seiner Forschungstätigkeit, in den USA extrem schwer zugängliche Akten in Gefängnissen und psychiatrischen Anstalten einzusehen. Daraus zitiert er dann reichlich – leider in nicht übersetzter englischer Sprache. Da sich deren Sinn meist aus dem Zusammenhang ergibt, leidet die Lektüre dadurch aber nicht allzu sehr. Auf der anderen Seite handelt es sich um eine wissenschaftliche Arbeit mit vielen nicht erklärten Fremdworten und in der Tradition Michel Foucaults, in anderen Worten: keine leichte Lektüre.

Nichtsdestotrotz gelingt es Hedrich mit seiner historisch-materialistischen Herangehensweise, die Logik des Elektroschocks und seiner begeisterten Aufnahme von Psychiatern vor dem Hintergrund sozialer und ökonomischer Entwicklungen mit vielen Belegen zu erklären, ebenso dessen Einsatz als brutales Mittel zur Bestrafung und Disziplinierung abweichenden Verhaltens, speziell bei Frauen, als »annihilierendes Kontrollinstrument, das die höheren Geistesfunktionen der PatientInnen durch die Induzierung kognitiver Dauerdefekte paralysiert«, das heißt die Erkenntnis- und Informationsverarbeitung betreffenden Fähigkeiten der Betroffenen auf Dauer ausschaltet. Der Autor zeigt zudem anhand von Belegen die umfangreichen Hirn- und Gedächtnisschäden; unter anderem, dass die Zellveränderungen nach Elektroschocks denen entsprechen, die nach Tötungen durch den elektrischen Stuhl gefunden wurden. Und anhand von Fallbeispielen weist er im Einzelnen nach, wie der Elektroschock eingesetzt wurde, um den Widerstand der Betroffenen zu brechen, bis sie sich schließlich voller Verzweiflung der psychiatrischen Macht unterwerfen und Krankheitseinsicht und therapeutische Wirksamkeit geloben, um fortgesetzten Elektroschockverabreichungen zu entgehen, wie sie früher üblich waren und heute – auch in deutschsprachigen Ländern – wieder üblich sind.

Außer auf amerikanische Quellen stützt sich Hedrich auch auf deutschsprachige. So zitiert er beispielsweise den NS-Psychiater Anton von Braunmühl, Oberarzt der bayrischen T4-Zwischenanstalt Eglfing-Haar, der 1947 darauf pochte, nicht vom »Schock« oder »Krampfschock« zu sprechen, sondern vom »Heilkrampf«. Am heute hierzulande noch gebräuchlichen Begriff der »Heilkrampftherapie« zeigt sich, wie psychiatrische Sprachmanipulation zur Verschleierung der Wirklichkeit, sogenanntes Neusprech, in psychiatrischen Kreisen – und sogar noch hier und da im Selbsthilfebereich – verankert ist.

Peter Lehmann (FAPI-Nachrichten)