Theodor Itten
Jähzorn – Psychotherapeutische Antworten auf ein unkontrollierbares Gefühl

CoverKartoniert, XVII + 183 Seiten, 16,8 x 24 cm, ISBN 978-3-662-46100-6. Berlin / Heidelberg: Springer Verlag, 2., überarbeitete Auflage 2015. € 19.99 / Preis in sFr / sofort lieferbar In den Warenkorb oder Bestellung mit Formular
Über den Autor | Inhaltsverzeichnis | Vorwort zur 2. Auflage | Vorwort zur 1. Auflage | Rezension | Liefer- & Zahlungsbedingungen inkl. Widerrufsrecht
Alles über diesen heftigen Gefühlsausbruch und dessen zerstörerische Wucht. Woher Jähzorn kommt, weshalb die Auseinandersetzung mit dieser Gefühlsregung bisher gesellschaftlich tabuisiert ist und was man gegen Jähzorn unternehmen kann, inklusive Möglichkeiten zum alltagstauglichen Selbstmanagement. Originalausgabe 2007

Original-Verlagsinfo

Die zerstörerische Wucht dieses heftigen Gefühlsausbruchs ist bekannt, doch bisher gesellschaftlich tabuisiert. Wir sind Zeugen von Jähzornausbrüchen im Familienleben, in Partnerschaften, im Straßenverkehr, im Berufsalltag, im Sport usw. Zur Untermauerung dieser Beobachtungen wurde an die 600 Personen zu ihren persönlichen Erfahrungen mit Jähzorn befragt. Die Zahlen überraschen, 20 % waren als Kind Opfer von jähzornigen Eltern, 24 % der Befragten sind jähzornig. Wir stehen verblüfft vor dem offenen Geheimnis einer veritablen Volksplage. Wo kommt Jähzorn her? Wie zeigt sich Jähzorn? Was können wir tun? Diese Fragen begleiten den Autor durch Religionen, Mythen, Literatur und Film. Einzelfallstudien liefern neue sozialpsychologische und psychotherapeutische Einsichten sowie konkrete Anstösse für Psychotherapeuten, Ärzte, Pädagogen und andere helfende Berufe. Mit diesem Buch wird der Jähzorn erstmals im deutschsprachigen Raum zum Thema gemacht.

Vielfältigere und facettenreichere Quellen geben in der zweiten, überarbeiteten Auflage psychotherapeutische Antworten auf dieses unberechenbare Gefühl. Der Autor zeigt Möglichkeiten zum Selbstmanagement auf, die im Alltag gut umsetzbar sind. Ein Buch für Betroffene, Angehörige und Wirkende in helfenden, therapeutischen Berufen.

Über den Autor

Theodor Itten. Geboren 1952 in Langenthal (Schweiz). Studierte 1972 bis 1981 Psychologie an der Middlesex und City University, Psychotherapie und Ethnologie in London bei Ronald. D. Laing und Francis Huxley. Mitglied im United Kingdom Council of Psychotherapy. Seit 1981 Psychotherapeutische Praxis in St. Gallen. Von 2003-2011 Vorstandsmitglied und von 2008-2011 Präsident des Schweizer Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten Verbands. Für 12 Jahre im Stiftungsrat der Pro Mente Sana aktiv.

Weitere Titel von und mit Theodor Itten im Antipsychiatrieversand:

Inhaltsverzeichnis

I. Woher kommt Jähzorn?

1. Der Brunnen
2. Die Sprache des Jähzorns
3. Der gezählte Jähzorn
4. Die Begründung
   4.1. Das Gehirn
   4.2. Die Gefühle
   4.3. Grenzen
5. Die Grundstörung
   5.1. In die Welt kommen
   5.2. Schöpfungsmythos
   5.3. Der Jähzorn im Tier
   5.4. Aggression
   5.5. Philosophen-Jähzorn
   5.6. Neurologen
   5.7. Beruhigung des Herzens

II. Wie zeigt sich Jähzorn?

6. Auslöser
   6.1. Wo zeigt sich Jähzorn?
   6.2. Gefühlsverdrängung
   6.3. Kulturzerstörung
7. Jähzorn in Kultur und Religion
   7.1. Kultur
       7.1.1 Bachmann und Frisch
       7.1.2 Kafkas Vater und der Rosarote Panter
       7.1.3 Psyche und Eros
       7.1.4 Iokaste, Laios und ihr Sohn Oedipus
       7.1.5 Der Dichter
       7.1.6 Simone de Beauvoir und Jean-Paul Sartre
       7.1.7 Roth und Bloom
   7.2. Religion
       7.2.1 Jähzorn als Todsünde
       7.2.2 Moses' Jähzorn
       7.2.3 Des Apostels Jähzorn
8. Sozialpsychologie und Gesellschaft
   8.1. Heilige Gewalt
   8.2. Jähzorn-Meditation
9. Täter
   9.1. Die Familie Hüdler
   9.2. Zidanes Jähzorn
10. Opfer
   10.1. Virginia Woolf
   10.2. Der Alternative

III. Was können wir tun?

11. Psychotherapie
   11.1 Psychotherapeutische Erfahrung
   11.2. Jähzorn und Psychose
   11.3. Jähzorn und Borderline-Persönlichkeit
   11.4. Jähzorn und Sucht
   11.5. Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom und Jähzorn
   11.6. Jähzorniges in der Familie
   11.7. Körperpsychotherapeutisches Vorgehen
   11.8. Wirkprinzip der Therapie
12. Einsichten
   12.1. Allgemeine Einsichten in Zusammenhänge
   12.2. Konkrete Einsichten Jähzorniger
13. Kinder und Eltern
   13.1. Die Klavierspielerin
   13.2. Der Psychologe
14. Vom Opfer zum Täter
   14.1. Der Erfinder
   14.2. Blick zurück im Zorn
15. Wege aus dem Jähzorn
   15.1. Der Koch
   15.2. Der Koch neugestiefelt

16. Ausklang

Anhang
Danksagung
Literatur

Vorwort zur 2. Auflage

In den sieben Jahren seit der ersten Veröffentlichung hat sich im Zorn-Bereich einiges getan. Wir erlebten Tage des Zorns in London Tottenham ab dem 6. August 2011 sowie den arabischen Frühling mit Wochen des Volkszornes. Wir lesen über steigenden Jähzorn im Straßenverkehr und in Flugzeugen. Jedoch ist in deutscher Sprache kein weiteres Buch erschienen, das sich, wie dieses, speziell dem Phänomen des jähen, also schnellen und steilen Zorns widmet (jüngere Publikationen, die sich dem Phänomen annähern, bespreche ich im Ausklang dieser Auflage). Von dem Buch wurden mehrere Tausend Exemplare verkauft und es ist in Übersetzungen ins Englische (Rage, 2011) und ins Bosnische (Bijes, 2013) erschienen. Diese erste Thematisierung in deutscher Sprache hat viel Medieninteresse ausgelöst. Radio, TV, Tages- sowie Wochenpresse haben eifrig, und über mehrere Jahre immer wieder, darüber berichtet. In Fachzeitschriften wurde mein Buch wohlwollend kritisch besprochen. Das ist für mich eine positive Rückmeldung, dass es an der Zeit war und immer noch ist, über diese schwierige Emotion – Zorn und das ungesunde, ja zerstörerische Ausleben im jähen Zorn – zu reden. Unbestritten ist die von meiner Untersuchung aufgestellte Tatsache, dass Jähzorn eine veritable Volksplage ist, welche so schnell nicht verschwinden wird. Das Bedürfnis nach fundierter Information ist nach wie vor da. Dieses Buch ermöglicht neue konkrete Einsichten zum Verlauf von Jähzorn und was zur Linderung dieses sozialpsychologischen und wirtschaftskulturellem Leidens getan werden kann. Wege aus dem Jähzorn werden geschildert und zur anfänglichen Selbsthilfe skizziert. Kurz- und Langzeitpsychotherapien sind oft indiziert, um "gut genug" eine gesunde emotionale Affektregulation zu erreichen.

Der Wunsch nach einer zweiten, leicht überarbeiteten Auflage wird vom Verlag und von mir gerne erfüllt.

Es gibt Menschen, welche ihre Gefühle von Ärger, Wut und Zorn, lieber "herunterschlucken". Andere wiederum versuchen diese wegzutrinken, wegzurauchen oder anderweitig zu verdrängen, anstatt diese körperlichen Regungen der Lebendigkeit auszudrücken. Sich in seinen wahren Gefühlen zu zeigen, ist für viele, vor allem Männer, üblicherweise ein riskantes Unterfangen. Gefühle zeigen wird oft gleichgesetzt mit Schwäche zeigen. Wenn wir ein Gefühl in uns als Ärger oder Wut bezeichnen, benennen wir ein soziales und starkes Gefühl. Wut im Bauch bekommen wir zum Beispiel, wenn unser Gerechtigkeitssinn verletzt wurde. Wut kann eine heilende Kraft nach emotionalen Verletzungen sein. Zorn dagegen ist eine Grundemotion. Wir zürnen und zeigen, noch vor verbaler Kommunikation, einen zornigen Blick. Im Zorn wird etwas in uns aufgerissen. Nämlich die Daunendecke der Vernunft, und die Verbundenheit des Menschen mit seiner Tiernatur wird spürbar. Diese Affektregung ist nicht, wie Ärger oder Wut, mit verhaltenssteuernder Vernunft regulierbar.

Zorn, zusammen mit Liebe, Hunger, Angst, Furcht und Trauer, gehört zu den Grundemotionen in unserem Leben als Säugetiere-Menschen. Jäher Zorn resultiert meist aus einem gescheiterten Umgang mit diesem Grundgefühl. Im Jähzorn werden wir von dem bis anhin unterdrückten Zorn überwältigt. Menschen, die ihren Zorn jäh ausleben, tun sich gleichermaßen schwer, andere Gefühle zu zeigen. Ärger, Wut und Zorn gehören zum Menschsein. Zorn, das ist wichtig sich zu erinnern, ist eine tierische Emotion – kein soziales Gefühl –, die unser Mittelhirn in höchster, lebensbedrohender Not abruft und durch einen Zornkreislauf auslöst. Der gesund mitgeteilte Zorn stärkt unser Selbst. Diese Tat ermöglicht es, unsere persönlichen und sozialen Grenzen zu schützen. Es ist eine kontinuierliche Lebensaufgabe, den eigenen jähen Zorn so abzubauen, dass unser Zorn andere nicht mehr versehrt.

Sankt Gallen, im August 2014

Vorwort (1. Auflage): Buddha sieht rot

Seit dem Abend des 9. Juli 2006, dem Fussball-Weltmeisterschafts-Finale, wissen Milliarden von Menschen, die dem Spiel zugeschaut haben, wie ein möglicher Jähzornanfall passieren kann. Der Fussball-Buddha, Zinedine Zidane, wurde von einem italienischen Gegenspieler in einer so verletzenden und erniedrigenden Weise provoziert, dass er seine heftigen Zornesgefühle nicht mehr zurückhalten konnte. Innerhalb von acht Sekunden war der ganze völlig unerwartete, uns ZuschauerInnen überraschende Spuk vorüber. Buddha köpfelte seinen Provokateur zu Boden. Er oben, der andere unten. Das war's. Ein Fussballgott straft sofort. Wenige Momente später sah Buddha die Rote Karte. Er, wieder in sich gekehrt, verliess gesenkten Hauptes und mit feuchten Augen das Spielfeld. Der Bescheidene, der Meisterliche, der In-sich-Ruhende, der Stille, der Gefühlszurückhaltende, der Vorbildliche, wie viele Schreibende ihn betitelt haben, konnte seinen Zorn nicht altersentsprechend zeigen und gefühlvoll halten.

Naomi Campbell hat wieder einen Jähzornanfall gehabt, lesen wir in der Zeitung. Auch sie, die Mode-Ikone, rastet immer wieder aus. Sie verhält sich, als ob sie ihre Jähzornanfälle zelebriert. Campbell und Zidane sind eine und einer von 25 Menschen pro Hundert der jeweiligen zivilisierten Landesbevölkerung, die zum Jähzorn neigen. Der plötzlich heftig ausbrechende Zorn kann nicht mehr zurückgehalten werden. Es gibt die Auslöser, die ihn hervorbringen. Es gibt die temperamentvolle Veranlagung dazu. Der Jähzorn kann aus einem Menschen herausbrechen, wie die Lava eines Vulkans aus der Erde. Wenn die innere Gefühlsspannung zu gross wird, die betroffene Person keine Möglichkeit hat, mit ihren heftigen Gefühlen gut genug umgehen zu können, bricht der Zorn jäh aus ihr heraus. Zu viel ist zu viel. Das eigene Gefühlsleben ist einem Habitus unterworfen.

In der Welt der Psychologie und Psychopathologie wird der Jähzorn als eine affektive Persönlichkeitsstörung, als ein Aspekt unter insgesamt acht Kriterien der Borderline-Persönlichkeitsstörung und als unausbalancierter Choleriker-Charakterstil gesehen. Dennoch gilt Jähzorn nicht als psychische Störung in den beiden gegenwärtig trendsetzenden internationalen Klassifikationen psychischer Störungen, ICD-10 und DSM IV/2. Gut so und ich hoffe, das bleibt so, auch wenn ich mit dieser Studie den jähen Zorn erstmals zum öffentlichen Thema mache. Wo kommt der Jähzorn her? Wie zeigt er sich? Was können wir tun, um ihn loszuwerden? Viele Menschen erleben den Jähzorn als eigene, oft vererbte emotionale Ergriffenheit. Die zerstörerische Wucht dieses jäh in ein Alltagsgeschehen einbrechenden Zorns ist bekannt und wird dennoch oft gesellschaftlich tabuisiert. Viele Kinder jähzorniger Eltern, viele PartnerInnen jähzorniger Partner leiden unter den seelischen und physischen Verletzungen dieser emotionalen unkontrollierbaren Ausbrüche. Wir sind Zeugen von Jähzornausbrüchen im Familienleben, in Partnerschaft, im Strassenverkehr, im Berufsalltag, in Schulen und Heimen. Wir stehen ratlos vor dem offenen Geheimnis einer veritablen Volksplage.

Um hier Klarheit zu gewinnen, wurden zwischen März und Juni 2006 in der Ostschweiz 481 Personen zu ihrer Erfahrung mit Jähzorn befragt. In einer weiteren telefonischen Umfrage in drei Städten – Bern, Zürich, Basel – wurden im August 2006 weitere 94 Personen als Kontrollgruppe befragt. In einem ersten Teil werden die Ergebnisse präsentiert, diskutiert und in einen Gesamtzusammenhang gebracht. Jähzorn wird in seinen kultur-, religionsgeschichtlichen und sozialpsychologischen Bedingungen untersucht. Aus der jüdischen und der christlichen Bibel, aus griechischen und germanischen Mythen werden Geschichten erzählt um aufzuzeigen, wie der Jähzorn zum Menschsein gehört und wie in der alten Welt damit umgegangen wurde.

Im zweiten Teil betrachten wir die Auslöser, Anfälle und Verläufe von Jähzorn. Welche Funktion hat der Jähzorn in unseren lebendigen Systemen, wie Familie, Schule, Arbeitswelt und Freizeit? Was verbindet die Täter und Opfer? Und was passiert, wenn ehemalige Opfer zu Tätern werden?

Im dritten Teil beschäftigen uns die Möglichkeiten – vor allem die Wege der Psychotherapie - uns vom Jähzorn zu befreien. Einige Fallbeispiele aus meiner psychotherapeutischen Praxis zeigen, wie wir uns von jähen Zornanfällen lösen können. Wie verändert sich der Umgang mit dem Gefühl des Zorns dank einer integrativen, leibeinbeziehenden Therapie? Was gibt es für Eigenhilfen, um aus diesem Teufelskreis herauszukommen? Wie kann dieses starke und zum Leben gehörende Gefühl in sich reguliert und kraftvoll, verantwortungsvoll gehalten werden? Was kann ich tun, damit der Jähzorn nicht mehr zurückkommt, wenn ich mich von ihm befreit habe? Warum gibt es Menschen, die nicht ohne Jähzorn leben können?

Rezension zur 1. Auflage

Wer kennt sie nicht, die unangenehme Erfahrung mit eigenem oder fremdem Jähzorn? Jeder Fünfte war laut Befragungen in der Ostschweiz als Kind Opfer von jähzornigen Eltern, 24 Prozent der Befragten bezeichneten sich selbst als jähzornig. "Wenn wir als Kinder mit einem jähzornigen Elternteil aufwachsen, werden wir durch diese Erfahrung geprägt. Wir entwickeln eine Jähzornangst", schreibt der Autor, ein in St. Gallen niedergelassener Psychotherapeut. Er weiß, wovon er spricht. Mit 14 Jahren zerhaute er die geerbte Geige seines Großvaters aus Wut darüber, dass er das Instrument in eine Gitarre umschreinern sollte, da sein engstirniger Vater ihm keine Gitarre kaufen mochte.

Mit seinem Buch macht Itten den Jähzorn erstmals im deutschsprachigen Raum zum Thema. Wo kommt Jähzorn her? Wie zeigt sich Jähzorn? Was können Betroffene, Angehörige und Therapeuten tun? Bei der Beantwortung brennt der Autor ein Feuerwerk an Informationen ab, die man sich kaum umfassender vorstellen kann: Jähzorn in Religionen, Mythen, Geschichte, Literatur, Filmen, im Alltag, im Sport. "Im Überblick des Weges, den wir durch die Geschichten, Mythen und Therapieberichte dieses Buches gegangen sind, merke ich viel klarer, was sich im und durch den Jähzorn zeigt. Jähzorn kann verstanden und verändert werden, sobald die verschiedenen Bereiche des eigenen wahren und wirklichen Lebens miteinander in Verbindung sind."

(Peter Lehmann, FAPI-Nachrichten)