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Kerstin Kempker
Die Betrogenen. Roman

Cover Englisch Broschur, 188 Seiten, 13,5 x 20,5 cm, ISBN 978-3-902005-81-6. Klagenfurt / Wien: Verlag Kitab 2007. € 15.– / Preis in sFr / sofort lieferbar In den Warenkorb oder Bestellung mit Formular
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Eine Dreiecksgeschichte – nicht vom Fremdgehen, sondern vom Fremdbleiben, dem eigentlichen Betrug. In dichter, präziser Sprache zeichnet der Roman die Bruchlinien einer Beziehung nach. Er deckt Lebenslügen auf, folgt Tagträumen und besteht auf dem Staunen. Originalausgabe

Verlagsinfo

"Wenn ich mich recht erinnere, sind sie erst unscharf geworden und dann – ich weiß nicht, wie schnell es geschah – wurden sie blass und milchig, wie schlecht geputztes Glas."

Maria kann die Menschen zum Verschwinden bringen. Seit sie und Leo ihren Blumenladen aufgegeben haben, zieht es sie immer öfter in den Botanischen Garten ins Kamelienhaus. Dann ist Maria plötzlich tot. Leo engagiert die Studentin Lena, um in den Aufzeichnungen seiner Frau einen Grund zu finden. Sie stößt auf eine sprachlose Ehe, mächtige Pflanzen und ein seltsames Glück. Gefiltert durch Lena, lernt Leo seine Frau kennen. Beide geraten in Marias Bann. Eine Dreiecksgeschichte – nicht vom Fremdgehen, sondern vom Fremdbleiben, dem eigentlichen Betrug. In dichter, präziser Sprache zeichnet der Roman die Bruchlinien einer Beziehung nach. Er deckt Lebenslügen auf, folgt Tagträumen und besteht auf dem Staunen.

Foto von Kerstin Kempker

Die Autorin

Kerstin Kempker, geb. 1958 in Wuppertal, lebt in Berlin. Sie wurde in Mainz groß, in Nürnberg Industriekauffrau, holte in Hildesheim das Abitur nach, studierte in Hannover Medizin, in Berlin Sinologie und Sozialarbeit. Von 1996 bis 2001 leitete sie das Weglaufhaus, eine Kriseneinrichtung für Psychiatrieflüchtlinge, und verfasste psychiatriekritische Bücher. Seit 2002 freiberufliche Autorin. Harder Literaturpreis, Stipendien: Sylt-Quelle, Deutscher Literaturfonds, Stadtmühle Willisau, Künstlerhaus Schloss Wiepersdorf, Künstlerhaus Edenkoben (Stand April 2014). Mehr über Kerstin Kempker

Weitere belletristische Publikationen von Kerstin Kempker im Antipsychiatrieversand: Bruderherz: Ein Flimmern (Roman); Die Erfüllung der Wünsche (Roman); Das wird ein Fest (Roman); Nur die Knochen bitte: Eine Übergabe; Mitgift – Notizen vom Verschwinden

Sachbücher im Antipsychiatrieversand: Teure Verständnislosigkeit – Die Sprache der Verrücktheit und die Entgegnung der Psychiatrie; Flucht in die Wirklichkeit – Das Berliner Weglaufhaus (Hg.); Das Weglaufhaus – Von der Idee zur Praxis (Hg. mit Uta Wehde); Statt Psychiatrie (Hg. mit Peter Lehmann); Beiträge in: Psychopharmaka absetzen / Coming off Psychiatric Drugs / Βγαίνοντας από τα ψυχοφάρμακ – Εμπειρίες επιτυχημένης διακοπής νευροληπτικών, αντικαταθλιπτικών, λιθίου, καρβαμαζεπίνης και αγχολυτικών / Dejando los medicamentos psiquiátricos / Arrêter la prise des psychotropes u.v.m.

Rezensionen

"Ein außergewöhnlich fein und dicht komponierter kleiner Roman mit psychologischem Tiefgang und surrealer Atmosphäre. Kerstin Kempker versteht die Kunst, Räume und Figuren vor dem Auge des Lesers real werden zu lassen und ihn in ihre Geschichte zu ziehen. Wer Berlin (vor allem die Botanischen Gärten) kennt, wird hier manches wiedererkennen – in einem verwandelten Licht, das ein wenig an die Bilder Michael Sowas erinnert. Die Sprache der Autorin ist klar und schnörkellos, manchmal märchenhaft; Gegenwärtiges und Vergangenes mischen sich zu einem fast zeitlosen Ton. Manchmal hätte man sich noch etwas mehr Breite gewünscht – das Buch ist fast zu schnell zu Ende! Insgesamt ein höchst empfehlenswertes literarisches Debüt, das der Gegenwartsliteratur eine eigenwillige und interessante Stimme hinzufügt. Der Leser darf gespannt sein auf weitere Romane und Erzählungen Kerstin Kempkers." (Konkordant, Berlin)

was bleibt – Kerstin Kempkers Roman "Die Betrogenen" setzt auf die Schönheit

Der Kärntner Kitab-Verlag hat sich nicht die Mühe gemacht auszuweisen, von wem die Umschlaggestaltung zu Kerstin Kempkers Roman Die Betrogenen stammt. Das ist insofern verständlich, als der grün-blaue Band mit dem namenlosen Gemälde am Cover sagen wir: nicht wirklich von hohen ästhetischen Ansprüchen zeugt. Schade. Denn in Kempkers Roman kommt der Schönheit eine große Rolle zu.

Kempkers heimliche Hauptfigur Maria setzt auf die Schönheit. Sie, die zeitlebens Blumen verkauft hat, findet sich nach der Pensionierung im Duft, in der lebendigen Kraft der Blumen wieder. Was gemeinhin als stumme Schönheit betrachtet oder beschrieben wird, stellt Kerstin Kempker uns als eine beredte Kraft vor, die es Maria möglich macht, Pflanzen, Blumen als lebendige Wesen zu erfahren, ihnen zu begegnen wie dem Blick, der Stimme eines Menschen. Die Schönheit hört hier auf (nur) schön zu sein, sie ist viel mehr. Für Maria wird die Gegenwart der Pflanzen zu einem Glück, zu einem Zauber, der es ihr möglich macht, Menschen – nein: nicht zu übersehen, sondern "zum Verschwinden zu bringen".

Aufzeichnungen einer Toten. Kerstin Kempker lässt Maria ihre Geschichte selbst erzählen: Sie gibt uns Einblick in die Aufzeichnungen einer Toten. Kempker beschreibt, wie Lena, eine Mathematikstudentin, die Marias Mann Leo dafür bezahlt, dass sie Ordnung in die Hinterlassenschaft seiner Frau bringt und in sein Witwerdasein, dem seltsamen Sog erliegt, der von Marias Aufzeichnungen, Marias Pflanzen, Marias Person ausgeht. Und von ihrem Schatten. Der Schatten Marias im Leben ihres Mannes wächst mit den unzähligen Fragen eines Zusammenlebens, das der Wortlosigkeit verpflichtet war. Die Worte zwischen Maria und Leo, sie haben sich nicht erübrigt, sie sind viel mehr übrig geblieben, unbrauchbar geworden. Besonders jetzt, wo Leo sie brauchen würde, um sich Marias Tod zu erklären, klar zu kommen mit ihrem plötzlichen Verschwinden. Dabei soll ihm Lena helfen. Doch Lena versteht, scheint es, viel mehr. Sie sieht einen Weg, Maria zu folgen. Nicht in den Tod, sondern in jenes Leben, dem Marias Sehnsucht galt. Ihr Freund Jan wird dabei auf der Strecke bleiben. Wahrscheinlich.

Die Betrogenen – das sind Leo und Jan, das sind Maria und Leo, das sind Leo und Lena. Lauter Übriggebliebene. Was bleibt, ist die Schönheit. Vielleicht.

Auch Kempkers Sprache setzt auf die Schönheit. In den Lena- und den Leo-Sätzen gerät ihr die Erzählung dabei plastisch, sinnlich und schlicht zugleich. In den Aufzeichnungen Marias wirkt derselbe Ton aber unwirklich, zu überlegt, zu überlegen, zu kunstvoll auch. Und Lena, die Mathematikerin, begegnet auf den Spuren Marias einem Gewächshaus-Clochard, der sich als philosophierender Physiker outet. Ein Geheimnisträger, der ebenso gut im Reich der Klischees hätte bleiben können. Die Schönheit der Erzählung wäre ohne diesen Aufputz ausgekommen. Aber Kempkers Roman ist auch ein Märchen. Das wollen Zutaten wie diese wohl sagen. Und wirklich: Das leise Glück dieser Geschichte ist märchenhaft, ihre Traurigkeit aber lässt keine Illusionen zu: Betrogene können wir alle sein.

hermann götz in schreibkraft – Das Feuilletonmagazin (Graz), Frühjahr 2008, Heft 16 ("für immer"), S. 65