Michael Linden / Bernhard Strauß (Hg.)
Risiken und Nebenwirkungen von Psychotherapie – Erfassung, Bewältigung, Risikovermeidung

CoverKartoniert, XI + 199 Seiten, 16,5 x 24 cm, ISBN 978-3-941468-64-1. Berlin: MWV Medizinisch Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft 2013. € 24.95 / Preis in sFr / sofort lieferbar In den Warenkorb oder Bestellung mit Formular
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Erwünschte und unerwünschte Wirkungen sowie Schäden von Psychotherapie erkennen, Risiken vermeiden und Behandlungsqualität erhöhen. Mit Beiträgen von Harald J. Freyberger, Marie-Luise Haupt, Rainer Hellweg, Micha Hilgers, Veronika Hillebrand, Bernhard Jakl, Horst Kächele, Sophie Kaczmarek, Maria Kensche, Michael Linden, Michael Märtens, Dankwart Mattke, Yvonne Nestoriuc, Winfried Rief, Andrea Schleu, Wolfgang Schneider, Carsten Spitzer, Bernhard Strauß und Serge K. D. Sulz. Originalausgabe

Original-Verlagsinfo

Keine Therapie ohne Risiken, Nebenwirkungen oder gar Komplikationen: Das gilt auch für die Psychotherapie. Nicht nur die Wirkung der Therapie selbst, sondern ebenso die Interaktion zwischen Therapeut und Patient, das Verhalten des Therapeuten oder das Setting bergen Risiken für beide Seiten.

Ausgehend von einer grundlegenden Definition, Klassifikation und den empirischen Befunden zu Psychotherapienebenwirkungen werden die wesentlichen Risiken verschiedener Psychotherapieverfahren und -formen dargestellt. Das Thema wird aus der Perspektive des Therapeuten wie auch des Patienten abgehandelt, die beide Nebenwirkungen erleiden können. Es werden konkrete Strategien zur Vorbeugung und Reduktion von Risiken und Nebenwirkungen gegeben. Das Buch wendet sich an Wissenschaftler sowie Praktiker und will zu einer offenen und sachlichen Diskussion des Themas beitragen.

  • Haupt- und Nebenwirkungen, Psychotherapieschäden und unerwünschte Ereignisse sicher unterscheiden

  • spezifische Nebenwirkungen verschiedener Psychotherapieverfahren erkennen

  • Vermeidung von Risiken und mehr Behandlungsqualität durch konkrete Strategien und Konzepte

Über die Herausgeber

Prof. Dr. Michael Linden, Psychiater, Psychosomatiker und Psychotherapeut. Ärztlicher Direktor des Rehabilitationszentrums Seehof, Chefarzt der Abteilung Verhaltenstherapie und Psychosomatik. Leiter der Forschungsgruppe Psychosomatische Rehabilitation an der Charité Berlin.

Prof. Dr. phil. habil. Bernhard Strauß ist Diplompsychologe, Psychoanalytiker und psychologischer Psychotherapeut. Seit 1996 Direktor des Instituts für MedizinischePsychologie am Klinikum der Friedrich-Schiller-Universität Jena. Von 1981-1986 Mitarbeiter an der Abteilung für Sexualforschung der Psychiatrischen Universitätsklinik in Hamburg, 1986 -1996 wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Klinik für Psychotherapie und Psychosomatik der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel. Arbeitsschwerpunkte: Psychotherapieforschung, Gruppenpsychotherapie, Psychoonkologie, Krankheitsverarbeitung, klinische Entwicklungspsychologie, Bindungsforschung und klinische Sexualforschung.

Rezension

Michael Linden, Psychiater in Berlin und Erfinder der Diagnose "posttraumatische Verbitterungsstörung", und Bernhard Strauß, Direktor des Instituts für Medizinische Psychologie am Klinikum der Friedrich-Schiller-Universität Jena, haben ein Buch über Risiken und Schäden von Psychotherapie herausgegeben. Es soll helfen, die Unterscheidung zwischen "Nebenwirkungen" als unvermeidlichen Begleiterscheinungen jeder Psychotherapie einerseits und Psychotherapieschäden und sogenannten Kunstfehlern andererseits zu verstehen. Letztere entstünden durch Nichtbeachtung von Grundregeln in Dialog und Beziehungsgestaltung, durch ungeeignete Methodik und Techniken, schlechte Ausbildung und Grenzüberschreitungen. Weiterhin soll man in die Lage versetzt werden, spezifische "Nebenwirkungen" verschiedener Psychotherapieverfahren zu erkennen, um Strategien zur deren Vorbeugung und Verringerung entwickeln zu können.

Das Buch ist in 13 Kapitel unterteilt: Definition und Klassifikation von Psychotherapie-Nebenwirkungen / Empirische Befunde zum Spektrum und zur Häufigkeit von unerwünschten Wirkungen, Nebenwirkungen und Risiken von Psychotherapie / Zum dialektischen Verhältnis von Haupt- und Nebenwirkungen in der Psychotherapie: "Wo gehobelt wird, da fallen auch Späne" / Spezifische Nebenwirkungen von psychodynamischer Psychotherapie / Risiken und Nebenwirkungen von Verhaltenstherapie / Nebenwirkungen und unerwünschte Wirkungen von Gruppentherapien / Patientenbeschwerden über psychotherapeutische Behandlungen / Negativfolgen von Psychotherapie in der sozialmedizinischen Begutachtung / Die rechtlichen Nebenwirkungen von Psychotherapie / Nebenwirkungen von Psychotherapie bei Psychotherapeuten / Erfassung von Nebenwirkungen in der Psychotherapie / Der Therapeut als Ansatzpunkt für die Vermeidung von Psychotherapie-Nebenwirkungen / Die Ausbildung, Weiterbildung und Supervision von Psychotherapeuten unter der Risikovermeidungsperspektive.

Das Buchthema wird aus der Perspektive des Therapeuten und laut Ankündigung des Verlags auch aus der Betroffenenperspektive abgehandelt. Doch man sollte sich durch solch Worte nicht täuschen lassen: Mit Betroffenenperspektive ist bloß gemeint, dass Ärzte und Therapeuten über Beschwerden von Betroffenen berichten, diese interpretieren und so letztlich ihren "Experten"-Monolog ungestört fortsetzen. Dies führt auch dazu, dass eine Vielzahl von Psychotherapierisiken tabuisiert bleiben: Therapeuten, die sich zum Büttel der Pharmaindustrie machen, die Verabreichung psychiatrischer Psychopharmaka gutheißen und deren Risiken bagatellisieren. Diese Substanzen lösen keine Probleme, machen langfristig abhängig, können Depressionen bis hin zur Suizidalität und Psychosen auslösen, verstärken und chronifizieren. Speziell Psychiatriepatienten können das Pech haben, auf pharmafirmengesponserte psychoedukativ tätige Psychotherapeuten zu stoßen, deren Diagnostik den Blick auf die wirklichen Probleme des einzelnen Menschen in der Gesellschaft verstellt und die den Betroffenen einreden, sie bräuchten Psychopharmaka "wie der Diabetiker sein Insulin". Hilfe bei einer nachhaltigen und konstruktiven Bewältigung ihrer psychosozialen Probleme bleibt ihnen vorenthalten. Leider fehlt dieses für Psychiatriebetroffene existenzielle Kapitel in dem Buch komplett. Bei einem Buch, das von Michael Linden mit herausgegeben wird, sollte man solche kritische Themen allerdings nicht erwarten, ist er doch Preisträger der "Arbeitsgemeinschaft für Neuropharmakologie und Pharmakopsychiatrie" und ein Autor, dessen Bücher auch mal von der Pharmafirma Lilly Deutschland gesponsert werden.

Nichtsdestotrotz bietet das Buch, das offenbar nicht von der Pharmaindustrie gesponsert wurde (der Verleger des MWV verneinte dies auf Anfrage), für Profis und für Betroffene viele Informationen, beispielsweise im Kapitel "Patientenbeschwerden über psychotherapeutische Behandlungen" über den Verein "Ethik in der Psychotherapie"; Details der Schattenseite der Psychotherapie werden so sichtbar. Die Autoren dieses Kapitels erläutern unterschiedliche Beschwerdekategorien, listen Auswirkungen und Psychodynamik von Grenzverletzungen samt der rechtlichen Folgen auf.
Ein Kapitel befasst sich mit der Unterscheidung von akuten und chronischen Erkrankungen und der Abklärung von verminderter Erwerbsfähigkeit, Arbeitsunfähigkeit und Grad der Behinderung, eines mit den zivil- und strafrechtlichen Folgen von Behandlungsfehlern: Behandlungsvertrag, Aufklärungspflichten, Aktenführung und -einsicht, Vertraulichkeit und Abstinenzgebot bis zu Schadensersatzansprüchen, Beweislastumkehr, Abrechnungsbetrug, Körperverletzung und sexuellem Missbrauch.

Aber auch um ernst zu nehmende Interessen von Therapeuten geht es in dem Buch, so um die Notwendigkeit therapeutischer Selbsterfahrung und die Einschätzung der Gefahren für deren Gesundheit und Lebensqualität. Es enthält zudem Empfehlungen für die Ausbildung von Psychotherapeuten und Anregungen zur Weiterbildung und Supervision, um frühzeitig die Perspektive auf Risikovermeidung zu lenken.

Unter den Autoren des Buches befindet sich mit Michael Märtens der Co-Autor des 2002 erschienenen Buches "Therapieschäden – Risiken und Nebenwirkungen von Psychotherapie" (Matthias Grünewald Verlag). Er beschreibt das größte Potenzial zur Verbesserung der Psychotherapie: Würde man unfruchtbare Therapien schneller erkennen oder gar nicht erst beginnen, ergebe sich hieraus eine wesentlich effektivere Verbesserung der therapeutischen Versorgung als durch die Suche nach immer effektiveren Methoden. Wie nahe liegen doch Psychotherapie und Psychopharmakabehandlung beieinander.

Peter Lehmann (FAPI-Nachrichten)