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Marietta Meier / Mario König / Magaly Tornay
Testfall Münsterlingen. Klinische Versuche in der Psychiatrie, 1940-1980

CoverGebunden, 334 Seiten, 19 farbige und 11 schwarz-weiße Abbildungen, 16 x 23,8 cm, ISBN 978-3-0340-1545-5. Zürich: Chronos Verlag 2019. € 38.– / Preis in sFr / lieferbar innerhalb von 3 Tagen In den Warenkorb  [oder Bestellung mit Formular – Best.Nr. 982]
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Nüchtern-sachliches sorgfältig recherchiertes Buch über die mit Wissen aller Aufsichtsbehörden gesetzeswidrig ohne Aufklärung und Einwilligung der Betroffenen und teilweise unter Zwang durchgeführten Versuche an Kindern, Erwachsenen (auch Pflegern) mit Antidepressiva und Neuroleptika in der Schweizer Klinik Münsterlingen hauptsächlich von 1950 bis 1980 unter Leitung des Antidepressiva-Papstes Roland Kuhn mit Nennung der Beteiligten, der geflossenen Finanzen, der gesundheitlichen Schäden inkl. Todesfälle und der fehlenden juristischen Verfolgung. Originalausgabe

Original-Verlagsinfo

In der Psychiatrischen Klinik Münsterlingen wurden über Jahrzehnte hinweg Psychopharmaka getestet. Dreh- und Angelpunkt dieser Versuche war der Psychiater Roland Kuhn, der mit diversen Pharmafirmen zusammenarbeitete. «Testfall Münsterlingen» untersucht, wie Industrie und Klinik, Patienten, Ärzte, Pflegepersonal und Behörden in der klinischen Forschung zusammenspielten. Die Stoffprüfungen werden historisiert und in die sich ebenfalls wandelnden Rahmenbedingungen eingeordnet.

Welche Personen und Institutionen waren beteiligt, wer wusste was? Wie wurden Stoffe geprüft, welche Patientinnen und Patienten waren betroffen? Nach welchen Mustern wurden die Prüfsubstanzen verabreicht? Wann galten welche Werte, Richtlinien und Normen? Welche Rolle spielten sie in der Praxis? Ausgehend von diesen Fragen rekonstruiert «Testfall Münsterlingen» die Geschichte klinischer Versuche von 1940 bis 1980 und verortet die Thurgauer ‹Versuchsstation› in der zeitgenössischen Prüfungslandschaft.

Über die Autorinnen und den Autor

Meier, Marietta: Titularprofessorin für Geschichte der Neuzeit an der Universität Zürich, forscht vor allem zur Psychiatrie-, Wissens-, Wissenschafts- und Emotionsgeschichte.

König, Mario: Mario König war freischaffender Historiker mit Forschungsschwerpunkt Sozial-, Wirtschafts- und Kulturgeschichte der Schweiz und Deutschlands im 20. Jahrhundert.

Tornay, Magaly: Historikerin an der Universität Zürich, hat zur Geschichte psychoaktiver Stoffe seit LSD promoviert und forscht seither zu Substanzen, klinischen Versuchen und zum Wandel ethischer Normen.

Pressestimme

Marietta Meier, Titularprofessorin für Geschichte der Neuzeit an der Universität Zürich, Mario König, freischaffender Historiker, und Magaly Tornay, Historikerin an der Universität Zürich, haben ein sorgfältig recherchiertes und nüchtern-sachliches Buch über Versuche mit nicht zugelassenen Medikamenten in der Psychiatrischen Klinik Münsterlingen in der Schweiz geschrieben. Möglich wurde das Forschungsprojekt "Testfall Münsterlingen" durch Finanzmittel des Staatsarchivs Thurgau und die Überlassung des Nachlasses von Roland Kuhn und seiner Frau Verena.

Unter anderem Ernst Grünthal und Jakob Klaesi und dann vor allem Roland Kuhn forschten gegen immer üppig werdende Bezahlung ("vom Bach zum Strom") mit allen möglichen Substanzen, speziell Antidepressiva und Neuroleptika, für die Pharmafirmen Ciba, Geigy, Hoffmann-La Roche, Wander und Sandoz. Diese hatten dem Autorenteam zum Teil Zugang zu ihren – gelegentlich große Lücken aufweisenden – Archiven gewährt. Experimentiert worden war an Kindern, Erwachsenen (auch Pflegerinnen und Pflegern), ohne Aufklärung und Einwilligung der Betroffenen, teilweise unter gewaltsamer Verabreichung der Prüfsubstanzen, teilweise heimlich in Suppen oder den Kaffee gemischt, mit Wissen aller fachlicher und staatlicher Aufsichtsbehörden. Neben den Klinikangestellten, so das Autorenteam, waren auch Hausärzte, niedergelassene Psychiater, Heime und Spitäler in die Versuche eingespannt, ebenso Angehörige, Nachbarn und Vorgesetzte der Betroffenen. Kritische Stimmen zu den Psychopharmakaversuchen hätten sich in den eingesehenen Quellenbeständen nicht gefunden, "nicht einmal aus der Ärzteschaft".

Roland Kuhn machte sich in seinen psychiatrischen Kreisen einen Namen als "Vater" des Imipramin (Markenname Tofranil), dem er 1958 als erstem trizyklischen Antidepressivum zum Durchbruch verhalf. An Vergütungen und Umsatzbeteiligungen erhielt er im Lauf der Jahre mehrere Millionen Schweizer Franken, wie das Autorenteam belegt. Kuhn hatte die verschiedensten Substanzen an einem Großteil der ihm anvertrauten Klinikpatientinnen und -patienten getestet, teilweise auch noch nach ihrer Entlassung. Durch Auswertung seiner Aufzeichnungen sind Schädigungen der Betroffenen belegt: Erblindungen und andere körperliche Erkrankungen, Suizide, Fälle von Herztod – zum Teil unmittelbar nach Verabreichung der Prüfsubstanzen eingetreten, doch wie üblich in der Psychiatrie nicht auf die Behandlung zurückgeführt, sondern angeblich zugrunde liegenden Vorerkrankungen in die Schuhe geschoben.

Die über einen Zeitraum von mehreren Jahrzehnten währenden Psychopharmakaversuche ordnet das Autorenteam ein in die sich im Lauf der Jahre verändernde Medizinethik. Und sie benennt viele offene Fragen: Wie viele Klinikpatienten erhielten Prüfsubstanzen, ohne dass ihr Name in Kuhns Nachlass verzeichnet war? Zu wie vielen schweren Zwischen- und Todesfällen kam es? Sah die Prüflandschaft außerhalb Kuhns Klinik anders aus? Und es benennt am Buchende weitere Fragestellungen: Wie ließen sich biographische "Wanderungen" von Patienten durch verschiedene psychiatrische Einrichtungen nachverfolgen? Welche Schicksale erlitten sie?

Insgesamt besticht das Buch durch seine Detailliertheit, seine Unvoreingenommenheit und seinen sachlichen Ton. Der Leserschaft bleibt es überlassen, ihr Urteil zu fällen über eine medizinisch und ethisch fragwürdige Praxis, über persönliche Bereicherungen von Psychiatern "im Interesse der psychisch Kranken", über Profilierungen zulasten von Patientinnen und Patienten, über die strafrechtlich relevante Praxis psychiatrischer Anwendungen ohne Information über Risiken und Schäden und somit ohne rechtswirksame Einwilligung – wie sie der heutigen Mainstream-Psychiater nach wie vor zugrunde liegt, auch hierzulande. Wieso eigentlich sind gesetzeswidrige psychiatrische Praktiken immer mit jahrzehntelanger Verspätung Fälle für Historikerinnen und Historiker und nicht aus gegebenem Anlass Fälle für die heutigen Strafverfolgungsbehörden?

(Peter Lehmann, FAPI-Nachrichten)