Thomas Melle
Die Welt im Rücken

CoverGebunden mit Schutzeinschlag, 348 Seiten, 13,1 x 20,9 cm, ISBN 978-3-87134-170-0. Berlin: Rowohlt Verlag 2016. € 19.95 / Preis in sFr / sofort lieferbar oder Bestellung mit Formular
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Schonungsloser autobiographischer Bericht über das von einer "manisch-depressiven Krankheit" zerrissenen bipolaren Lebens, den Verlust des Fundaments des eigenen Lebens und seiner Kontinuität, der von der Manie zerschossenen Vergangenheit und der Bedrohung der Zukunft sowie einer unter Psychopharmaka-Einfluss langsam eintretenden und als Besserung empfundenen Normalisierung seines Lebens. Originalausgabe

Original-Verlagsinfo

«Wenn Sie bipolar sind, hat Ihr Leben keine Kontinuität mehr. Die Krankheit hat Ihre Vergangenheit zerschossen, und in noch stärkerem Maße bedroht sie Ihre Zukunft. Mit jeder manischen Episode wird Ihr Leben, wie Sie es kannten, weiter verunmöglicht. Die Person, die Sie zu sein und kennen glaubten, besitzt kein festes Fundament mehr. Sie können sich Ihrer selbst nicht mehr sicher sein. Und Sie wissen nicht mehr, wer Sie waren. Was sonst vielleicht als Gedanke kurz aufleuchtet, um sofort verworfen zu werden, wird im manischen Kurzschluss zur Tat. Jeder Mensch birgt wohl einen Abgrund in sich, in welchen er bisweilen einen Blick gewährt; eine Manie aber ist eine ganze Tour durch diesen Abgrund, und was Sie jahrelang von sich wussten, wird innerhalb kürzester Zeit ungültig. Sie fangen nicht bei null an, nein, Sie rutschen ins Minus, und nichts mehr ist mit Ihnen auf verlässliche Weise verbunden.»

Thomas Melle leidet seit vielen Jahren an der manisch-depressiven Erkrankung, auch bipolare Störung genannt. Nun erzählt er davon, erzählt von persönlichen Dramen und langsamer Besserung – und gibt einen außergewöhnlichen Einblick in das, was in einem Erkrankten so vorgeht. Die fesselnde Chronik eines zerrissenen Lebens, ein autobiografisch radikales Werk von höchster literarischer Kraft.

Über den Autor

Thomas Melle, 1975 geboren, studierte Vergleichende Literaturwissenschaft und Philosophie in Tübingen, Austin (Texas) und Berlin. Er ist Autor vielgespielter Theaterstücke und übersetzte u. a. William T. Vollmanns Roman «Huren für Gloria». Sein Debütroman «Sickster» (2011) war für den Deutschen Buchpreis nominiert und wurde mit dem Franz-Hessel-Preis ausgezeichnet. 2014 folgte der Roman «3000 Euro», der auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis stand. 2015 erhielt Thomas Melle, der in Berlin lebt, den Kunstpreis Berlin.

Stimme zum Buch

"Thomas Melle, erfolgreicher Buchautor in Berlin, hat einen schonungslosen autobiographischen Bericht über das von einer »manisch-depressiven Krankheit« zerrissenen Bipolarität geschrieben, den Verlust des Fundaments des eigenen Lebens und seiner Kontinuität, der von der Manie zerschossenen Vergangenheit und der Bedrohung der Zukunft. Melle hat seit vielen Jahren die Diagnose »manisch-depressiv«, nicht von ungefähr. In seinem Buch blickt er zurück auf 19 Jahre seines Lebens, drei Manien zwischen 1999 und 2010. In starken Worten erzählt er von seinen persönlichen Dramen, von Größenphantasien, was ihm so alles durch den Kopf ging, von wiederholtem Absturz und von Besserung und hofft so, begreifbarer zu machen, was ihm widerfahren ist. Von Psychiatern erhielt er Lithium, und da dieses seine Haut schädigte, nimmt er jetzt das Antiepileptikum Valproinsäure, das als Phasenprophylaktikum wirken und ihn stabilisieren soll. Was ihm widerfahren ist, hat für den Autor offenbar nichts mit ihm zu tun, sondern den Botenstoffen in seinem Gehirn. Weshalb diese aber mehrmals über ihn kamen, weshalb er in seinen Verrücktheitsphasen so wahnsinnig wichtig wurde, dass – wie er wähnte – alle möglichen Prominenten und Schriftsteller mit ihm kommunizierten, scheint Schicksal zu sein, auf das er nur mit Psychopharmaka reagieren kann. Verständlich wird diese Haltung, wenn man sein Glaubensbekenntnis an ein genetisch bedingtes Ungleichgewicht seines Stoffwechsels liest, das sein Gehirn nicht bemerkt, wenn es wieder so weit ist. Dann »... scharren die ersten Neurotransmitter mit den Hufen, jene Botenstoffe, die Informationen von Zelle zu Zelle transportieren: Serotonin, Noradrenalin und Dopamin. Sonst tragen sie die Signale weiter und sorgen im Organismus für Aktivität, Belohnung und Gefühlsausschüttungen. Ihrer Kellnerrolle sind sie aber längst überdrüssig. Sie vermehren sich und planen den hysterischen Aufstand. Bald überschwemmen sie das Terrain und werfen das Bestellte quer durch den Raum, an die Wände und in die Gesichter, ziehen das ganze Etablissement auf links. Dann kocht der Gehirnstoffwechsel über, und der Mensch rastet aus.« Biologische Psychiatrie pur, literarisch aufgemotzt, für den Autor verlockend, sich damit und mit der zugewiesenen Rolle als »Fehlexemplar« zufrieden zu geben und auch nicht entfernt daran zu denken, seinen Schwächen und vielleicht auch Sensibilitäten auf die Spur zu kommen, die ihn zu bestimmten Zeiten in bestimmten Formen derart ausrasten lassen. Dann gibt es auch nichts am eigenen Leben zu ändern – außer Psychopharmaka zu schlucken. Mögen sie ihm wohl bekommen. Seine subjektive Erfahrung sollte aber kein Grund sein, die eigene Meinung unreflektiert zu verallgemeinern und andere Sichtweisen psychischer Extremzustände mal eben komplett zu ignorieren. Eine verbreitete, trotzdem ärgerliche Haltung." (Peter Lehmann, FAPI-Nachrichten)