Helmut F. Späte / Klaus-Rüdiger Otto
Irre irren nicht

CoverKartoniert, 204 Seiten, 14,8 x 21 cm, ISBN 978-3-936308-08-2. Leipzig / Weißenfels: Verlag Ille & Riemer, 4. Auflage 2013. € 19.95 / Preis in sFr / sofort lieferbar In den Warenkorboder Bestellung mit Formular
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Buch über die Geschichte der DDR-Psychiatrie inklusive Dokumentation von systemimmanenten Reformbestrebungen sowie Beschwerden Psychiatriebetroffener über menschenverachtende Zustände in psychiatrischen Kliniken an die Obrigkeit, den Staatsrat, Walter Ulbricht und die behandelnden Psychiater, die Eingang in die Psychiatrie-Akten fanden. Originalausgabe 2010

Original-Verlagsinfo

Keine sklerotisch-würdige psychiatriehistorische Betrachtung, sondern eine kritische Liebeserklärung an die Psychiatrie und die von ihr Betroffenen. Keine akademisch-distanzierte Soziologie der Anstaltspsychiatrie, sondern ein sehr persönlicher Bericht über ein Kapitel psychiatrischer Versorgung in der DDR. Keine anklagende Analyse der Mängel und der Unsäglichkeiten der psychiatrischen Anstalten, sondern Erfahrungen über das Staunen in der Psychiatrie. Keine chronologische Geschichte von Historikern verfasst, sondern Geschichten erzählt von Betroffenen und Dabeigewesenen.

Über die Autoren

Prof. Dr. med. habil. Helmut F. Späte wurde 1936 in Gera geboren und studierte Medizin in Leningrad und Berlin. Nach der Facharztausbildung in Brandenburg-Görden und Habilitation war er bis 1984 Ärztlicher Direktor des Bezirkskrankenhauses für Psychiatrie und Neurologie in Bernburg. Bis 1993 dann Inhaber des Lehrstuhls für Psychiatrie an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg und anschließend bis 2002 stellvertr. Ärztlicher Direktor des Kommunalen Psychiatrischen Krankenhauses Halle. Seitdem arbeitet er als freiberuflicher Gutachter.

Dr. med. Klaus-Rüdiger Otto wurde 1943 in Halle/Saale geboren und nahm 1963 ein Medizinstudium an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg auf. Nach der Promotion 1969 und der anschließenden Facharztausbildung in Brandenburg-Görden wurde er 1975 Chefarzt der Psychiatrischen Klinik im Bezirkskrankenhaus für Psychiatrie und Neurologie Bernburg. Seit 1981 ist er als Nervenarzt in Potsdam tätig.

Pressestimme

Helmut Späte, bis 1984 Ärztlicher Direktor des Bezirkskrankenhauses für Psychiatrie und Neurologie in Bernburg und dann bis 1993 Inhaber des Lehrstuhls für Psychiatrie an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg hat gemeinsam mit seinem Kollegen Klaus-Rüdiger Otto, ab 1975 Chefarzt der Psychiatrischen Klinik im Bezirkskrankenhaus für Psychiatrie und Neurologie Bernburg und seit 1981 niedergelassener Nervenarzt in Potsdam, haben gemeinsam ein Buch über die Geschichte der DDR-Psychiatrie inklusive Dokumentation von Reformbestrebungen verfasst. Zudem enthält es Auszüge aus Psychiatrieakten und Beschwerdebriefe und -aktionen Psychiatriebetroffener hinsichtlich menschenverachtender Zustände in den psychiatrischen Kliniken. Der Verlag Ille & Riemer bewirbt das Buch, es sei »eine kritische Liebeserklärung an die Psychiatrie und die von ihr Betroffenen«. Zum Glück ist von dieser Liebeserklärung an eine Psychiatrie voller Menschenrechtsverletzungen im Buch nichts zu spüren. Welchen Teufel den Verlag geritten haben mag, derart gedankenlos für das Buch zu werben, ist nicht nachvollziehbar. Sei's drum, das Buch enthält viele Dokumente darüber, wie – parallel zur Psychiatrie-Enquete in der BRD und in Kenntnis kritischer Schriften, beispielsweise »Asyle« von Irving Goffman oder »Irrenhäuser – Kranke klagen an« von Frank Fischer – Psychiater in der DDR versucht haben, das Psychiatriesystem zu reformieren. Dies zeigen die wiedergegebenen »Rodewischer Thesen« (1963), die »Neun Thesen zur Therapeutischen Gemeinschaft« (1974) und die »Brandenburger Thesen zur Therapeutischen Gemeinschaft« (1976) . Dass die Ausgangsbedingungen für Psychiatrie-Reformen in einem stalinistischen System der DDR ungleich schlechter waren als die im kapitalistischen System der BRD, versteht sich von selbst. Diese für das Verständnis der DDR-Psychiatrie und nach der Wiedervereinigung weiterhin wirksamen Reformbestrebungen nehmen ungefähr die Hälfte des Buches ein. In der anderen Hälfte finden wir jede Menge Dokumente resistenter Psychiatriebetroffener, die sich in Briefen an die Obrigkeit, den Staatsrat, Walter Ulbricht, die behandelnden Psychiater beschwerten und die Eingang in die Psychiatrie-Akten fanden, beispielsweise: »Und dann geschah mit mir etwas Grausiges. Ich bekam Elektroschocks (ich glaube 6 mal). Die Bewusstlosigkeit oder das Einschlafen war nicht schlimm, man merkte nichts. Aber das Aufwachen. Man fand sich selbst nicht mehr zusammen. Die Gedanken gehorchten nicht. Außerdem hatte ich als junges Mädel mal Menschen gesehen, die geschockt waren. Herr Dr. Späte, man schleppte mich jedes Mal wie zur Schlachtbank. Ich kann das nicht vergessen.« Eine Betroffene schrieb Herrn Späte: »Hoffe sehr, dass es Ihnen gesundheitlich gut geht. Das kann ich auch von mir sagen, es geht mir blendend ohne Medikamente. Muss Ihnen gestehen, dass ich keine einnehme. Ich bekomme von denen Verhaltensstörungen und ich bin dann so weltfremd. Ich bin Ihnen so dankbar, dass Sie mich entlassen haben.« Wie den vielen zitierten Aussagen und den Berichten zu entnehmen ist, wurden in der DDR die Betroffenen wurden in vergleichbarer Weise zusammengespritzt, geschockt, gedemütigt, und sie wehrten sich im Rahmen der DDR-spezifischen Möglichkeiten. Den beiden Autoren ist zu verdanken, dass das heute gelegentlich aufscheinende Bild der obrigkeitshörigen oder angepassten Patientinnen und Patienten in der ehemaligen DDR nachhaltig zurecht gerückt wird. (Peter Lehmann, FAPI-Nachrichten)