Jörg Utschakowski / Gyöngyvér Sielaff / Thomas Bock / Andréa Winter (Hg.)
Experten aus Erfahrung – Peerarbeit in der Psychiatrie

CoverGebunden, 295 Seiten, 16,5 x 24 cm, ISBN 978-3-88414-582-1. Köln: Psychiatrie-Verlag, 2., vollständig überarbeitete Neuausgabe 2016. € 29.95 / Preis in sFr / sofort lieferbar oder Bestellung mit Formular
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Über das Ex-In-(Experienced-Involvement-) Projekt, das heißt die Ausbildung von Psychiatriebetroffenen zur Peer-Arbeit (»Arbeit von Gleichen für Gleiche«) innerhalb psychosozialer Einrichtungen. Neuausgabe von "Vom Erfahrenen zum Experten – Wie Peers die Psychiatrie verändern", original erschienen 2009

Original-Verlagsinfo

Peer-Begleiter sind Personen, die selbst schon psychische Erkrankungen erfahren haben und nun im klinischen Kontext Neu- oder Wiedererkrankte auf ihrem Weg durch das Hilfeprogramm und mit all ihren Nöten begleiten. Sie haben keine explizite therapeutische Funktion, wohl aber eine psychosoziale. Klar ist, der Einsatz von Peers verändert die psychiatrische Versorgung.

Für Patienten werden Peer-Begleiter zu Identifikationspersonen mit einem Blick für Stärken, für die Betreuungsteams sind sie ein Beispiel im Umgang mit Rückschlägen und Resignation. Während sie anderen Betroffenen Selbstbestimmung und Eigeniniative vorleben, finden sie in der Aus- und Weiterbildungen für Recovery-orientierte Teams immer öfter ihren Platz als Lehrende und Mitarbeitende.

Ganz konkret und anhand von erfolgreichen Beispielen aus verschiedenen Settings beschreibt das Buch, wie Peers in der stationären und ambulanten Arbeit eingesetzt und zum Joker im Trialog zwischen Betroffenen, Angehörigen und Professionellen werden können.

In den Beiträgen werden u.a. folgende Themen behandelt:

  • Ausbildung der EX-IN-Begleiter
  • Erfahrungen mit Peer-Arbeit im stationären und ambulanten Bereich
  • Besondere Settings und trialogische Krisenintervention
  • Peers in Forschung und Fortbildung
  • Implementierung der EX-IN-Mitarbeiter und Perspektiven

Über die Herausgeberin die Herausgeber

Jörg Utschakowski Diplom-Sozialarbeiter/-pädagoge ist Lehrbeauftragter an der Hochschule Bremen. Koordiniert Peer-Projekte wie Ex-In.

Gyöngyvér Sielaff, Diplom-Psychologin, Psychol. Psychotherapeutin, ist Dozentin beim Ex-In Projekt in Hamburg und arbeitet auch mit Kindern psychisch "kranker" Eltern.

Thomas Bock, Prof. Dr. phil., Diplom-Psychologe, ist Leiter der Sozialpsychiatrischen Ambulanz und der Krisentagesklinik des Universitätsklinikums in Hamburg-Eppendorf.

Andréa Winter arbeitet für die Universitären Psychiatrischen Dienste Bern als Betroffenenvertreterin und Übersetzerin.

Weitere Bücher von Thomas Bock und mit Beiträgen von ihm im Antipsychiatrieversand: Achterbahn der Gefühle – Mit Manie und Depression leben lernen · Eigensinn und Psychose – "Noncompliance" als Chance · EX-IN Kulturlandschaften – 12 Gespräche zur Frage: Wie gelingt Inklusion?

Weitere Bücher mit Beiträgen von Gyöngyvér Sielaff im Antipsychiatrieversand: EX-IN Kulturlandschaften – 12 Gespräche zur Frage: Wie gelingt Inklusion?

Weitere Bücher von Jörg Utschakowski und mit Beiträgen von ihm im Antipsychiatrieversand: Selbstbefähigung fördern – Empowerment in der psychiatrischen Arbeit · EX-IN Kulturlandschaften – 12 Gespräche zur Frage: Wie gelingt Inklusion? · Mit Peers arbeiten – Leitfaden für die Beschäftigung von Experten aus Erfahrung

Rezension

Das Buch, die Neuausgabe der 2009 erschienenen Publikation "Vom Erfahrenen zum Experten – Wie Peers die Psychiatrie verändern", soll Leitungskräfte, Kostenträger, engagierte Praktiker, Psychiatrieplaner und Genesungsbegleiter animieren, der Weiterentwicklung von Peerarbeit eine Chance zu geben. Die 24 Autorinnen und Autoren empfinden Peerarbeit als Instrument der Veränderung der psychiatrischen Praxis. Im Buch wird Peerarbeit definiert, die Probleme bei ihrer Implementierung werden beschrieben, die Ausbildung wird thematisiert, Erfahrungen im stationären und ambulanten Bereich in Deutschland, Österreich und der Schweiz werden wiedergegeben. Herausgestrichen wird die Funktion der Peerbegleitung, das Selbstvertrauen psychiatrischer Patienten in die eigenen Kräfte und Möglichkeiten zu stärken. Weitere Themen sind Fortbildung und Forschung unter aktiver Einbeziehung von Betroffenen. Grundlage von alledem ist die typische sozialpsychiatrische Haltung: Alles in der Psychiatrie dient den Patienten, die Psychiatrie ist im Wandel, alles wird noch besser, Psychiatrisch Tätige werden durch Genesungsbegleiter befähigt, ihre therapeutischen Erfolge gar zu verstärken, gemeinsam und auf gleicher Augenhöhe schreiten Profis, Angehörige und Betroffene solidarisch zu Achtsamkeit, Empowerment, Recovery, Lebenszufriedenheit. Beim Lesen des Buches denke ich an meine eigene katastrophale Psychiatriegeschichte. Wie gut wäre es gewesen, einen Peerberater an meiner Seite gehabt zu haben, der meine Familie, Freunde und mich darauf hingewiesen hätte, dass es noch andere Interpretationen der unangenehmen Psychopharmaka-Wirkungen außer "Nebenwirkungen", also nebensächliche Begleitumstände der "Medikation", gegeben hätte. Der mich auf die Existenz von Alternativen zur Psychiatrie, zumindest die Möglichkeit des Weglaufens hingewiesen hätte. Der mir und meinen Angehörigen Literatur zum risikoarmen Absetzen von Psychopharmaka genannt hätte. Der der ständig im Raum stehenden Abwertung meiner lebensgeschichtlich bedingten Verrücktheit als Symptom schwerer psychischer Krankheit basierend auf biopsychosozialer (Stoffwechsel-) Störung etwas Hoffnungsvolles und tendenziell Sinngebendes entgegengesetzt hätte, gerne untermalt mit eigener konstruktiver Krisenbewältigung! Wäre es nicht schön, solch engagierte Peerberater in Kliniken und Anstalten anzutreffen? "Die Betroffenen (also: wir) wissen oft, dass Medikamente manchmal hilfreich und notwendig sein können", schreibt die Genesungsbegleiterin Gwen Schulz aus Hamburg in ihrem Buchbeitrag. Was sie selbst macht und was ihre Kollegen machen, wenn sie die Psychopharmaka als nicht hilfreich und überflüssig sehen, bleibt leider unerwähnt. Was passiert bei mangelhafter Aufklärung, bei unterlassenen Vorsorgeuntersuchungen? Was, wenn Elektroschocks im Raum stehen? Was bei Zwangsbehandlung mit ihren so oft traumatisierenden Folgen? Einzig die Wiener Psychiaterin Michaela Amering erwähnt Probleme und Machtkämpfe mit den etablierten Systemen, die unvermeidlich seien, allerdings bleibt ihr Hinweis abstrakt. Doch wie stellt sich das Machtgefälle für Peerarbeiter dar, insbesondere im Konfliktfall, welche Lösungswege sind vorgesehen im Patienteninteresse, können Peerarbeiter mit eigener, abweichender Meinung auf irgendeine unterstützende Instanz hoffen? Ist dies eine Funktion gemeinsamer Supervision? Gibt es diesbezüglich erste Erfahrungen? Ärzte befürchten eine mögliche Unterwanderung der Psychopharmaka-Verabreichung, so die Schweizerin Barbara Blickle, Dr. med. mit eigener Krisenerfahrung und Genesungsbegleiterin, nach einer von ihr durchgeführten Studie in der psychiatrischen Privatklinik Meiringen in ihrem Buchbeitrag "Erwartungen und Befürchtungen psychiatrischer Fachpersonen bezüglich Beschäftigung von Peers in psychiatrischen Institutionen". Peers – so die durchaus nicht unbegründete Furcht von "Fachpersonen" – könnten aufgrund eigener schlechter Erfahrungen die ärztliche Behandlung missbilligen und boykottieren, insbesondere die Medikation. Ich wünschte mir einen Beitrag im Buch, der sich mit der Frage beschäftigt, wie eigene negative Erfahrungen mit der Psychiatrie in das beschworene Erfahrungswissen von Genesungsbegleitern eingehen und wie die Peerarbeit dann aussieht. Bleibt dieses zentrale Thema ausgespart, besteht die Gefahr, dass der Eindruck entsteht, Genesungsbegleiter würden den Sozialarbeitern in ihrer Rolle als "Sozialmäuschen" nachfolgen. Dies wäre eine Tragödie angesichts des Blumenstraußes an Möglichkeiten, der der Peerarbeit innewohnt, und angesichts der Masse unverstandener, schutz- und wehrloser Patientinnen und Patienten, die von der Arbeit engagierter Genesungsbegleiter profitieren könnten. (Peter Lehmann, FAPI-Nachrichten)