Peter N. Watkins
Recovery – wieder genesen können. Ein Handbuch für Psychiatrie-Praktiker

CoverKartoniert, 250 Seiten, 17,5 x 24 cm, ISBN 978-3-456-84723-8. Bern usw.: Hans Huber Verlag 2009. € 34.95 / Preis in sFr / sofort lieferbar In den Warenkorb oder Bestellung mit Formular
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Plädoyer einesPsychologen und Psychiatriepflegefachmanns nach vier Jahrzehnten Berufspraxis, auf vorgegebene Lösungswege zu verzichten und als Nicht-Wissende der Fähigkeit der Menschen zu vertrauen, ihren Problemen eine Bedeutung zuzuordnen und Entscheidungen zu treffen, die zu einem erträglicheren oder gar erfüllenden Leben führen. Orientiert an der kritischen Psychiatriebewegung (Laing, Foucault, Breggin, Romme, Mosher usw.), fordert Watkins seine Kollegen auf, Betroffene in humanistischer Weise zu unterstützen und diejenigen, die ihre Probleme und die Psychiatrie überwunden haben (wie die hier vertretenen Ahern, Fisher, Chamberlin, Coleman, Deegan, Wallcraft), als Experten wertzuschätzen und von ihren Erfahrungen zu lernen. Es gelte, die - weit über die Hoffnung auf Symptomlinderung und Genesung hinausgehende - familiäre, spirituelle und kreative Dimension des Recovery-Prozesses in die eigene Praxis zu integrieren. Englische Originalausgabe 2007

Original-Verlagsinfo

«Recovery» befasst sich mit dem Prozess der Genesung von schweren und lähmenden psychischen Problemen. Es ist ein optimistisches Buch, das die gängige Meinung, Genesung sei nur einigen wenigen vorbehalten, infrage stellt. Es beschreibt, welche Veränderungen innerhalb der psychiatrischen Dienste nötig sind, damit eine Recovery-Kultur entsteht, die es Menschen ermöglicht, ihr Wohlbefinden wiederzuerlangen und eine bessere Lebensqualität anzustreben. Eine ausschlaggebende Rolle bei diesem Prozess spielen Beziehungen, die Klienten in die Lage versetzen, Hoffnung, Selbstvertrauen, Entschlossenheit und Orientierung zu entwickeln und aufrechtzuerhalten. Im Zentrum des Buches stehen fünf Recovery-Geschichten, die beweisen, dass der menschliche Geist unbeugsam ist und uns befähigt, uns über Schwierigkeiten zu erheben und unsere Ziele zu erreichen.

Dieses Buch

  • schildert die Förderung von persönlicher Entwicklung und Gesundheit und ihre Bedeutung für den Recovery-Prozess

  • spiegelt die gegenwärtigen Bestrebungen des Psychiatriesystems wider, um Klienten als «Experten in eigener Sache» anzuerkennen

  • stellt verschiedene Ansätze vor und beschreibt die familiäre, kulturelle, spirituelle und kreative Dimension des Recovery-Prozesses

  • wurde für die deutsche Ausgabe adaptiert und um deutschsprachige Literatur und Adressen ergänzt.

Einführung

[...] Entsprechend meiner dargelegten Auffassung habe ich versucht, in diesem Buch auf Diagnosetitel und die übliche psychiatrische Terminologie zu verzichten und sie nur dort zu verwenden, wo ich auf andere Autoren oder direkt auf persönliches Recovery-Material Bezug nehme. Stattdessen habe ich mich bemüht, die Qualität der Erfahrungen von Menschen in extremen Belastungssituationen wiederzugeben. Als psychiatrische Gesundheitsfachleute, die wir von der medizinischen Tradition in der Psychiatrie geprägt sind, fällt es uns schwer, auf diese Fanale der Praxis zu verzichten. Aber ich rate meinen Kollegen dringend, es zu versuchen und der Fähigkeit der Menschen zu vertrauen, ihren Problemen eine Bedeutung zuzuordnen und Entscheidungen zu treffen, die ihr Leben letztendlich erträglicher machen. Menschen brauchen umfassende Unterstützung bei diesem Prozess, doch aufgrund meiner Erfahrung kann ich behaupten, dass sie von engagierten personenzentrierten Praktikern, die bereit sind, sie auf ihrer Entdeckungs- und Recovery-Reise zu begleiten, effizienter unterstützt werden können als von patientenzentrierten Praktikern, die ihnen Lösungen vorgeben. Das Befreiende an diesem Ansatz ist das Nichtwissen – nicht zu wissen, was im Leben dieses Menschen schief gelaufen ist; nicht zu wissen, wie die Lösung aussieht. Aber dass es ein Privileg ist und dass es sich lohnt, es gemeinsam mit diesem Menschen herauszufinden.

Im Zusammenhang mit dem Thema Sprache möchte ich noch darauf hinweisen, dass ich das einschließende »uns« und »wir« häufig im Text verwendet habe. Vielleicht wird an einigen Stellen nicht ganz klar, wer damit gemeint ist – die Menschen, die psychiatrische Dienste in Anspruch nehmen, die psychiatrischen Gesundheitsfachleute oder alle. Ich wende mich ganz bewusst an alle, denn ich bin überzeugt, dass der Recovery-Prozess universell ist und die in diesem Buch thematisierten Inhalte uns alle angehen. Wir, die psychiatrischen Gesundheitsfachleute, sollten aufhören, uns als eine »Subspezies« zu betrachten, die immun ist gegen die Schwierigkeiten, Probleme und Belastungen, von denen der Rest der Menschheit betroffen ist. Wir können uns nicht auf eine Art und Weise verhalten, die unsere Vulnerabilität als Menschen und unser Bedürfnis nach Wiederherstellung und Aufrechterhaltung unseres Wohlbefindens leugnet. Der Psychiater Daniel Fisher, der den »Wahnsinn« aus eigener Erfahrung kennt und aufgrund dieser Erfahrung zu einer leidenschaftlichen und einflussreichen Stimme in der Recovery-durch-Empowerment-Bewegung in Amerika wurde, betont in seiner Recovery-Geschichte, dass er Wert auf einen Therapeuten legt, der sich ihm gegenüber als »echte Person« verhält (Fisher, 1999). Wir müssen im Umgang mit Menschen authentisch sein. Auch wir haben Schwachstellen und auch wir suchen unseren Recovery-Weg, und je bewusster und offener wir unsere Reise wahrnehmen, desto besser können wir den anderen Reisenden helfen.

In diesem Buch habe ich nicht nur meine mehr als 40-jährige Berufserfahrung in der Psychiatrie verarbeitet, sondern auch meinen persönlichen Kampf um mein psychisches Überleben und meinen Recovery-Prozess. Es gibt unter den Autoren aus dem Bereich der Psychiatrie in den letzten Jahren so etwas wie einen Trend, sich »zu outen«, und auch für mich war es unmöglich, dieses Buch zu schreiben, ohne mich gründlich mit meiner eigenen Reise auseinanderzusetzen. Ich hoffe, dass die Beschreibung bestimmter Erfahrungen, die mit meiner eigenen Geschichte zu tun haben, nicht als Selbstdarstellung interpretiert wird, sondern dass sie in Verbindung mit anderen persönlichen Berichten dazu beiträgt, meine Ausführungen authentischer und überzeugender darzustellen.

In Kapitel 1, »Das Streben nach geistiger Gesundheit«, geht es um die Frage, wie man in einer immer verrückter werdenden Welt seine geistige Gesundheit aufrechterhalten kann. Da in Großbritannien die psychiatrische Morbidität ebenso wie die Verschreibungen psychotroper Medikamente weiter ansteigt, sind wir dringend aufgefordert, über unseren egoistischen konsumorientierten Lebensstil nachzudenken und nach einer Lebensweise zu suchen, die der Gesundheit zuträglicher ist.

Kapitel 2 untersucht »Das Wesen menschlichen Leids«. Zwar kann Leid durch Medikamente gemildert werden, doch hat dies immer seinen Preis. Die gesundheitsschädigende Wirkung selbst der neueren, »saubereren« Antipsychotika ist bestens bekannt und die mit psychiatrischen Diagnosen verbundene Stigmatisierung hinreichend belegt. Doch damit nicht genug: Die Pathologisierung psychischer Probleme suggeriert, dass es sich um krankhafte psychobiologische Störungen handelt, die nur durch fachkundige Intervention zu beheben sind, und bereitet so den Boden für passive Vulnerabilität. Im Gegensatz dazu plädiert das Kapitel dafür, den Zuständen psychischer Überforderung im Kontext der gelebten Erfahrungen eines Menschen Bedeutung zuzuordnen. Erst wenn Menschen diese Bedeutung entschlüsseln, werden sie fähig, den Zustand des Wohlbefindens wiederzuerlangen.

Kapitel 3, »Wege in Richtung Recovery«, ist das Kernstück des Buches. Ich habe den Mythos der Heldenreise gewählt, um die Genesung von unerträglichen psychischen Problemen zu diskutieren. Dies ist nicht launig gemeint, sondern Ausdruck der ehrlichen Überzeugung, dass die Reise durch den »Wahnsinn«, die oft lang und anstrengend ist, die erhabenen Qualitäten eines Menschen zutage fördert.

Kapitel 4 diskutiert »Recovery und die familiäre Dimension«. Die Psychiatrie ignoriert das Diktum von John Donne »Niemand ist eine Insel« und konzentriert sich fast ausschließlich auf das Individuum. Sie stellt eine innere Störung fest, die es zu behandeln oder zu beheben gilt, wobei sie das Familiensystem und die Gesellschaft als Ursache des Problems und als Quelle der Heilung weitgehend ausklammert.

Kapitel 5 beleuchtet »Recovery und die kulturelle/gesellschaftliche Dimension«, die sehr wichtig ist. Viele Nutzer und Überlebende psychiatrischer Dienste haben bestätigt, dass es schwieriger ist, die mit psychiatrischen Diagnosen verbundene Stigmatisierung und Marginalisierung zu überwinden, als sich von der eigentlichen Störung zu erholen. Trotzdem nimmt die Psychiatrie zu den politischen Bedingungen nie öffentlich Stellung. Das Kapitel ist ein Aufruf an alle Kollegen, sich häufiger zu äußern, wenn es um soziale Ungerechtigkeit und Chancenungleichheiten geht, die so oft die Ursache für krank machende Probleme sind und die Genesung zu einem Hindernis-Parcours werden lassen.

Kapitel 6 analysiert »Recovery und die spirituelle Dimension«. In unserer säkularen Zeit spielen Spiritualität und Transzendenz in unserem Leben keine große Rolle. Doch wir kommen immer mehr zu der Erkenntnis, dass die Werte, an denen wir uns orientieren, ebenso wie unser hedonistischer und materialistischer Lebensstil kein wahres Glück verheißen. Die besonders in der westlichen Gesellschaft vorherrschende Unzufriedenheit und Langeweile resultieren aus einem Hunger nach Spiritualität, der häufig die Ursache von Problemen ist. Das Streben nach Wohlbefinden muss ganzheitlich ausgerichtet sein, d. h. es muss die spirituelle Dimension miteinbeziehen.

Kapitel 7 betrachtet »Recovery und die kreative Dimension«. Für alle Menschen ist Kreativität ein Bedürfnis – wie sonst hätten wir als Spezies so erfolgreich überleben und uns weiterentwickeln können? Diese kreative Energie stärkt den Geist und verleiht dem Leben Vitalität, Schwung und Bedeutung. Für viele Menschen ist die künstlerische Betätigung ein wichtiges Element auf ihrem Genesungsweg.

Kapitel 8, das letzte Kapitel des Buches, ist dem Thema »Recovery-Beziehungen« gewidmet. Als Angehörige der Familie Homo sapiens sind wir von Natur aus aufeinander angewiesen, und diese gegenseitige Abhängigkeit zeigt sich nie deutlicher als in Zeiten, wenn geistige Probleme mit ihrer zerstörerischen Wirkung über unser Leben hereinbrechen. Erst die empathische Betreuung durch andere Menschen gibt uns sicheren Halt in unserem Kampf gegen erdrückende Probleme. Es ist vor allem dieser katalytische Effekt einer empathischen Beziehung, der uns während des Recovery-Prozesses in die Lage versetzt, in unserem Streben nach Wohlbefinden nicht nachzulassen.

Zwischen die Kapitel eingestreut sind fünf Recovery-Geschichten abgedruckt, die mutige Menschen, die ich beruflich und persönlich kennengelernt habe, freundlicherweise beigetragen haben. Diese Geschichten sind die Seele des Buches, denn sie legen Zeugnis ab von der Unbeugsamkeit des Geistes, der diesen Menschen in Zeiten von Aufruhr und Desintegration in ihrem Kampf um Überleben und Genesung Halt gegeben hat. Sie zeigen einen Weg auf, der nicht häufig gewählt wird – ihren absolut individuellen Weg in Richtung Recovery, für den sie sich entschieden haben, nachdem sie eine Weile in der Isolation und Trostlosigkeit ihrer chaotischen inneren Welt gefangen waren. [...]

Das Buch ist die Quintessenz aus den Erfahrungen und Betrachtungen meines Arbeitslebens, das im institutionalisierten Bereich der psychiatrischen Krankenhäuser begann und sich im dynamischen Bereich der gemeindenahen psychiatrischen Dienste fortsetzt. Ich empfinde es als großes Privileg, dass ich so viele Menschen auf ihrer Recovery-Reise und durch die unsicheren Tiefen und die sicheren Höhen ihres Lebens begleiten durfte, wo Fortschritt möglich ist. Wie der kritische Leser feststellen wird, ist das Buch »auf den Schultern von Riesen« geschrieben. Die Arbeit der humanistischen Therapeuten, Philosophen und Lehrer Carl Rogers und John Heron hat mein Arbeits- und Privatleben stark geprägt, und die Ideen der radikal denkenden Psychiater R. D. Laing und Peter Breggin haben mich ebenso inspiriert wie die Gedanken meines Kollegen aus der Pflege, Professor Phil Barker. Die veröffentlichten Texte von Überlebenden und Nutzern des Psychiatriesystems, insbesondere die von Ron Coleman und Patricia Deegan, waren eine ständige Aufforderung für mich, konventionelles Denken zu überwinden. [...]

Über den Autor

Peter Watkins, MEd (Master of Education), RMN (Registered Master of Nursing), RNT (Registered Nursing Trainer), DipN (Diplom Nursing), Dip Hum Psych, Mental Health Nurse Care Manager with the Assertive Outreach Service, Local Health Partnerships NHS Trust, Ipswich, UK; Formerly Senior Lecturer in Mental Health Nursing at Suffolk College, Ipswich, UK

Pressestimme

"Ein leidenschaftlicher und gut dargestellter Recovery-Führer für Praktiker und alle anderen… Watkins liefert eine lebhafte und in sich stimmige Vision, um die Instrumente, die professionell Tätige bereits haben, mit neuem Leben zu erfüllen und zu zeigen, wie man diese Instrumente verwendet, um den Leuten die Recovery-Wege (Gesundung) zu ermöglichen… Ich empfehle dieses Buch als die leistungsfähigste philosophische, poetische und praktische Einführung in die Vision von Gesundung... ” (Jan Wallcraft, Mental Health Today, Mai 2008 – Übersetzung P.L.)