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Martin Zinkler / Candelaria Mahlke / Rolf Marschner (Hg.)
Selbstbestimmung und Solidarität. Unterstützte Entscheidungsfindung in der psychiatrischen Praxis

CoverKöln: Psychiatrieverlag 2019 / Preis in sFr / lieferbar ab Frühjahr 2019 Vormerkbutton


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Originalausgabe

Original-Verlagsinfo

Mit der UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen sollen fremdbestimmte Entscheidungen durch unterstützte Entscheidungsfindung ersetzt werden. Ärztinnen und Pflegekräfte, Angehörige und Betreuer sollen nicht mehr für Patientinnen oder Betreute entscheiden, sondern bei anstehenden Entscheidungen unterstützen, je nach Ausmaß der Behinderung und nach Komplexität der Entscheidung. Wenige Menschen würden einen Hauskauf ohne Beratung abschließen, ebenso wenige würden sich von Anderen vorschreiben lassen, wo sie wohnen sollen, oder welche Behandlung sie in Anspruch nehmen.

Menschen mit psychischen Behinderung geraten jedoch immer wieder in Situationen, in denen andere bestimmen, wo sie sich aufhalten sollen, wie frei sie sich bewegen dürfen, welche Medikamente sie nehmen sollen, welche Genussmittel sie konsumieren dürfen. Dabei macht das psychosoziale Hilfssystem auch keinen Halt vor der Anwendung von unmittelbarem Zwang und vor ärztlicher Behandlung gegen den Willen der Betroffenen.

In den Jahren 2015 und 2016 wurden in Deutschland jeweils etwa 5700 ärztliche Behandlungen bei Menschen mit Behinderungen gegen ihren Willen durch Gerichtsbeschlüsse nach dem geltenden Betreuungsrecht genehmigt. Wie viele ärztliche Zwangsbehandlungen darüber hinaus im Rahmen der Psychisch-Krankengesetze der Bundesländer genehmigt werden, ist nicht einmal bekannt.

In den USA, Kanada, Australien und Neuseeland wurden ambulante Zwangsbehandlungen eingeführt, mit dem Ziel stationäre Zwangsbehandlungen zu vermeiden. Das Ergebnis dieser Entscheidung war jedoch ein gleichzeitiger Anstieg bei den ambulanten und stationären Zwangsbehandlungen. Dabei wird argumentiert, die UN Konvention sei zwar eine feine Sache, es gebe aber in der Psychiatrie Ausnahmen, bei denen Entscheidungen gegen den Willen der Betroffenen erforderlich seien.

Verwunderlich bei dieser Argumentation ist, dass sich die Häufigkeit der Anwendung von Zwang im psychosozialen Hilfssystem von Land zu Land, aber auch innerhalb eines Landes erheblich unterscheidet, in Deutschland bei vergleichbaren Bedingungen zwischen 1 und 10 % der Behandelten in Kliniken mit regionaler Versorgungsverpflichtung.

Dabei kommen stellvertretende Entscheidungen nicht nur in der klinischen Behandlung von akuten Erkrankungen zur Anwendung. Auch der Alltag für Menschen mit psychischen Behinderungen wird von stellvertretenden Entscheidungen durch Betreuer, Angehörige und Mitarbeiter des psychosozialen Hilfssystems bestimmt: Betreuer entscheiden beim Einwilligungsvorbehalt über finanzielle Entscheidungen; im gemeindepsychiatrischen Verbund werden institutionelle Lösungen zum Wohnen angeboten, wenn von den Betroffenen individuelles Wohnen bevorzugt wird. Angehörige übernehmen den Umgang mit Behörden für ihre betroffenen Familienmitglieder, Pflegekräfte entscheiden über Essenszeiten in Institutionen und Ärzte verweigern die Unterstützung, wenn Patienten Psychopharmaka absetzen oder reduzieren wollen.

Es liegt demnach weniger am Ausmaß der Behinderung, ob andere über Menschen mit Behinderungen entscheiden, sondern eher am Rechtssystem, den Möglichkeiten im Unterstützungssystem und den Haltungen und Kompetenzen derer, die solche Entscheidungen treffen (Betreuer und Ärzte, Sozialarbeiter und Verantwortliche im Hilfssystem) und denen, die solche Entscheidungen genehmigen (Richter und Rechtsbeistände).

Dieses Buch soll die Möglichkeiten unterstützter Entscheidungsfindung ausloten und weiterentwickeln. Alle Akteure im psychosozialen Hilfssystem: Psychiatrie-Erfahrene, Angehörige, Ärzte, Sozialpädagogen, Psychologen, Krankenpfleger, Ergotherapeuten, Betreuer, Richter und Rechtsanwälte finden im Buch theoretische Grundlagen unterstützter Entscheidungsfindung, Argumentationshilfen in Betreuungsverfahren, praktische Hinweise für den Unterstützungsalltag und therapeutische Empfehlungen für kritische klinische Situationen, um stellvertretende Entscheidungen zu vermeiden und wirksame solidarische Hilfe zu leisten.

Peers, also Menschen mit erlebter Erfahrung von Behinderung und im Umgang mit dem Hilfssystem, erhalten die Rolle von Unterstützern für Menschen mit Behinderungen, aber auch für Institutionen, die Menschen mit Behinderungen unterstützen sollen. Eine wichtige Entwicklung der letzten Jahre, selbst betroffene Nutzer in die Entwicklung, Planung und Umsetzung von therapeutischen Angeboten und Forschungsvorhaben einzubeziehen, ist vielerorts bereits politisch gestützt.

Unterstützte Entscheidung bei demenziellen Störungen, bei depressiven Störungen und bei Psychosen wird gesondert dargestellt. Weiter entwickelte Strategien für unterstützte Entscheidungsfindung aus dem Hilfssystem für Menschen mit geistiger Behinderung und Autismus sollen dabei als Orientierung und Vorbilder dienen.

Weitere Bücher von Rolf Marschner und mit Beiträgen von ihm im Antipsychiatrieversand: Psychisch kranke Menschen im Recht · Freiheitsentziehung und Unterbringung · Prävention von Zwangsmaßnahmen – Menschenrechte und therapeutische Kulturen in der Psychiatrie

Weitere Bücher von Martin Zinkler im Antipsychiatrieversand: Prävention von Zwangsmaßnahmen – Menschenrechte und therapeutische Kulturen in der Psychiatrie

Über die Herausgeberin und die Herausgeber

Martin Zinkler ist Psychiater und Chefarzt an der Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik im Klinikum Heidenheim, außerdem Redaktionsmitglied der Zeitschrift Recht & Psychiatrie. 2013 machte er nach den BGH-Beschlüssen zur Zwangsbehandlung durch einen offenen Brief an die damalige Justizministerin Leutheuser-Schnarrenberg von sich reden.

Candelaria Mahlke, Diplom-Psychologin an der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie im Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf

Rolf Marschner, Dr., geb. 1954, Jurist und Sozialpädagoge, arbeitet in München als Rechtsanwalt und Fachanwalt für Sozialrecht mit den Schwerpunkten Behindertenrecht und Rechtsfragen der Psychiatrie. Lehrbeauftragter an der FH München, Mitherausgeber der Zeitschrift Recht und Psychiatrie und Autor zahlreicher Publikationen zum Betreuungs- und Unterbringungsrecht.

Rezension

folgt