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Peter Lehmann & Craig Newnes (Hg.)

Psychopharmaka reduzieren und absetzen – Praxiskonzepte für Fachkräfte, Betroffene, Angehörige

Rezensionen

"Ernstzunehmend" – Christoph Müller auf Amazon.de (7. November 2023)

Mit dem Buch "Psychopharmaka reduzieren und absetzen" wird vor allem eines vollzogen: Einmal mehr wird der Überzeugung, dass mit chemischen Mitteln den einzelnen Menschen irritierenden seelischen Phänomenen begegnet werden kann, eine Absage erteilt. Oder anders formuliert: Ein Paradigma wird vom Sockel gestoßen.

Seit Beginn der 2000er Jahre wird im deutschsprachigen Raum mit großem Engagement und manchmal auch deutlichen Konfliktlinien die sogenannte "Neuroleptika-Debatte" geführt. Das Buch ist ein neuer Anstoß, diese Debatte am Leben zu halten. Es sind ernstzunehmende Autorinnen und Autoren, die Peter Lehmann und Craig Newnes um sich geschart haben. Allen voran ein psychiatrischer Praktiker wie der Psychiater Stefan Weinmann. Er schreibt: "Das Psychopharmakon ist ein höchst unvollkommenes Hilfsmittel: Es wirkt wie eine Schrotflinte, die ihr Ziel treffen und hilfreich sein kann, aber dabei alles andere als selektiv ist. Es greift irgendwo in einen Regelkreis ein und ruft erhebliche Streuwirkungen hervor" (S. 24). Dies erscheint den Leserinnen und Lesern als harter Tobak. Schaut man sich eine andere Zuspitzung aus der Feder Weinmanns an, so wird deutlich, dass er nicht als Ideologe verstanden werden muss: "Über Psychotherapie lernen wir weit mehr als nur die Bewältigung der aktuellen Depression, während wir durch den Eingriff des Psychopharmakons ins Gehirn nichts lernen, höchstens, dass wir eine biologische Störung in uns trügen" (S. 30).

Das Buch ist eine ernsthafte Auseinandersetzung mit dem Reduzieren und Absetzen von Medikamenten. Die Autorinnen und Autoren wägen immer wieder ab, thematisieren den Nutzen von Pharmaka in gleicher Weise wie die Schäden. Natürlich gehören die Autorinnen und Autoren der Buchbeiträge zu denjenigen, die die möglichst kleine Menge an Antidepressiva, Neuroleptika oder Benzodiazepine für die bessere Lösung halten.

Wenn es um die "professionellen Strategien und Konzepte" geht, wächst die Aufmerksamkeit der psychiatrischen Praktikerinnen und Praktiker. Jann E. Schlimme und Michael A. Schwartz mahnen, die Individualität bei der Verordnung zu beachten. Martin Zinkler stellt Möglichkeiten der institutionellen Unterstützung vor. Uwe Gonther stellt den "Bremer Weg" vor. Dabei geht es unter anderem um die schriftliche Aufklärung und Begleitung von Reduktionsschritten. Er gesteht, dass es in der Klinik, für die er als Chefarzt verantwortlich ist, "keine psychopharmakafreie Station" (S. 133) gebe. Eine realistische Einschätzung: "Dennoch realisieren wir auf allen Stationen weiterhin psychopharmakafreie Therapien, denn die wenigsten Probleme beim Reduzieren haben die Betroffenen, wenn man erst gar keine (Dauer-)Medikation ansetzt" (S. 133).

Aufhorchen lässt der trialogische Ansatz des Buchs. Gudrun Weißenborn setzt sich mit dem "Absetzen ärztlich verschriebener Psychopharmaka mit Angehörigenunterstützung" auseinander. Céline Cyr schreibt über das "Absetzen von Psychopharmaka mit Peerunterstützung". Selbst "Onlineplattformen als Hilfe zur Selbsthilfe beim Entzug von Psychopharmaka" ist im Fokus der Autorinnen und Autoren und verspricht Betroffenen, Angehörigen und professionell Helfenden bislang unbekannte Zugänge.

Mit einer Zuspitzung Weinmanns beginnt das Buch, mit einer deutlichen Anregung von Peter Lehmann und Thelke Scholz schließt das Buch. Sie kritisieren: "Ein humanistisch orientiertes Hilfesystem zu entwickeln, in dem die Verschreibung von Psychopharmaka eine Ausnahme darstellt, bleibt in einem gewinnorientierten Wirtschafts- und Gesundheitssystem eine Wunschvorstellung" (S. 251). Es ist zu hoffen, dass sie von der Versorgungswirklichkeit widerlegt werden. Argumente dazu haben die Autorinnen und Autoren des Buchs mehr als ausreichend geliefert. Hut ab...



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