Original in: Wolfram Pfreundschuh (Hg.): Kulturkritisches Lexikon (Internetveröffentlichung vom 31. Januar 2014). Letzte Aktualisierung am 29. Mai 2019. Kur-URL: bit.do/atypische

Atypische Neuroleptika

Atypische Neuroleptika stellen eine Revolution im psychiatrischen Behandlungsarsenal dar, heißt es, sie seien besser verträglich, da sie weniger Bewegungsstörungen bewirken. Schon 1952, im Jahr der Einführung des Neuroleptika-Prototyps (Muttersubstanz) Chlorpromazin, wurde in den chemischen Laboratorien der Berner Wander AG Clozapin synthetisiert. Clozapin (im Handel unter anderem als Leponex) gilt als Prototyp atypischer Neuroleptika. Auch die ebenfalls als atypisch geltenden Benzamide, eine andere Gruppe von Neuroleptika, wurden in den 1950er-Jahren entwickelt. Je nach Wirkungsschwerpunkt werden sie in der Gastroenterologie (Teilgebiet der Inneren Medizin, das sich mit Krankheiten der Verdauungsorgane befasst), der Gynäkologie oder der Psychiatrie und Neurologie eingesetzt. Amisulprid (Solian) wird seit 1968 verwendet, Sulpirid (Dogmatil) seit 1968, Tiaprid (Tiaprid) seit 1968, Remoxiprid (Roxiam) seit 1984, Perospiron (Cremin) seit 1990, Aripiprazol (Abilify) seit 1994. Als weitere atypische Neuroleptika kamen nach und nach Risperidon (Risperdal), Sertindol (Serdolect), Quetiapin (Seroquel), Zotepin (Nipolept), Paliperidon (Invega), Ziprasidon (Zeldox), Olanzapin (Zyprexa), Asenapin (Saphris, Sycrest), Lurasidon (Latuda), Cariprazin (Reagila) und und Brexpiprazol (Rexulti) auf den Markt. Da die den atypischen Neuroleptika verschiedensten chemischen Wirkstoffgruppen zuzuordnen sind, d. h. eine völlig uneinheitliche Gruppe darstellen, macht es keinen Sinn, von »den« atypischen Neuroleptika zu sprechen; ersatzweise könnte man den Begriff der clozapinähnlich wirkenden Neuroleptika verwenden.

Der Wirkung liegt offenbar die Blockade spezieller Dopaminrezeptoren-Subtypen zugrunde, so dass seltener Muskel- und Bewegungsstörungen auftreten und viele Betroffene von einer besseren Verträglichkeit ausgehen. Wie der Psychiater Hans-Joachim Haase allerdings erklärte, verhält sich Clozapin lediglich »ähnlich wie andere Neuroleptika, denen man eine zunehmend hohe Dosis eines Antiparkinsonmittels hinzugibt«. Sein Kollege Walter Müller, Professor am Biozentrum der Universität Frankfurt/Main, spricht von dirty drugs: Substanzen mit mehr als einem Wirkungsmechanismus. Gerhard Ebner, Mitglied des Advisory Board bei Janssen-Cilag zur Einführung des Risperdal Consta und gleichzeitig Präsident der Schweizerischen Vereinigung Psychiatrischer Chefärzte, betonte die unerwünschten Wirkungen, die besonders im vegetativen und Organbereich auftreten, die allerdings von den Betroffenen nicht unmittelbar wahrgenommen würden, weswegen man sie leichter zur Einnahme dieser Antipsychotika motivieren könne.

1991, 34 Jahre nach Leponex, wurde als nächstes clozapinähnliches Neuroleptikum Remoxiprid (Roxiam) als »Rose ohne Dornen«, d. h. als Medikament ohne Nebenwirkungen angekündigt. Drei Jahre später wurde es wieder vom Markt genommen: wegen einer Reihe lebensgefährlicher Fälle von aplastischer Anämie, d. h. Blutarmut mit Verminderung der roten und weißen Blutkörperchen, beruhend auf einem Defekt im blutbildenden System. Sertindol (Serdolect) galt lange als nebenwirkungsarm, im November 1998 fand sich im Internet in medizinischen Datenbanken sogar der Begriff »nebenwirkungsfrei«. Am 2. Dezember 1998 meldete die Ärzte Zeitung: »Vertrieb von Serdolect(R) gestoppt – Anlass sind schwere kardiale (das Herz betreffende) Nebenwirkungen und Todesfälle.«

Moderne clozapinähnliche Neuroleptika stehen generell unter Verdacht, vegetative und Organschäden wie etwa neuroleptische maligne Syndrome und Leberstörungen zu produzieren. Agranulozytosen (abruptes Absterben der weißen Blutkörperchen mit lebensbedrohlichen Folgen) wurden ebenso publik wie die unübersehbare und rasche Zunahme des Körpergewichts bis hin zur Fettleibigkeit mit ihrer für Herz und Kreislauf immensen Gefahren. Clozapinähnliche Neuroleptika erhöhen auch die Blutkonzentration des Hormons Prolaktin; mit dieser psychopharmakatypischen Störung einher geht ein 9,5 mal höheres Brustkrebsvorkommen, das Gynäkologen laut einer 1996 im American Journal of Psychiatry veröffentlichten Studie bei Psychiatriepatientinnen fanden. An Risiken müssen weiterhin genannt werden: das neuroleptikabedingte Defizit-Syndrom, Hypercholesterinämie (erhöhter Cholesteringehalt im Blut), Diabetes, Schlaganfall, erhöhte Apoptose (Sichabstoßen von Zellen aus dem Gewebe, d. h. Zelltod), erhöhte Sterblichkeit vor allem bei Verabreichung von Neuroleptika in Kombination mit anderen Medikamenten und für tardive Psychosen verantwortliche irreversible Rezeptorenveränderungen (siehe auch tardive Psychosen).

Wer Clozapin absetzt, sollte sich – sofern gewünscht – unbedingt mit einer Psychosozialen Patientenverfügung gezielt vor der Verabreichung von Elektroschockserien schützen. Die Verweigerung der Einnahme von Clozapin gilt Psychiatern als Indikation für Elektroschocks.

Literaturempfehlungen zu Risiken atypischer Neuroleptika, unerwünschten Wirkungen, zum Absetzen und zu Alternativen:

Peter Lehmann / Volkmar Aderhold / Marc Rufer / Josef Zehentbauer: Neue Antidepressiva, atypische Neuroleptika – Risiken, Placebo-Effekte, Niedrigdosierung und Alternativen

Peter Lehmann: Schöne neue Psychiatrie. Band 1: Wie Chemie und Strom auf Geist und Psyche wirken. Band 2: Wie Psychopharmaka den Körper verändern

Peter Lehmann: Risiken und Schäden durch »atypische« (moderne) Neuroleptika – Übersichtsseite im Internet

Peter Lehmann (Hg.): Psychopharmaka absetzen – Erfolgreiches Absetzen von Neuroleptika, Antidepressiva, Phasenprophylaktika, Ritalin und Tranquilizern

Peter Lehmann / Peter Stastny (Hg.): Statt Psychiatrie 2

Josef Zehentbauer: Chemie für die Seele – Psyche, Psychopharmaka und alternative Heilmethoden

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