|
Homepage
des Antipsychiatrieverlags
in: Kerstin
Kempker & Peter Lehmann (Hg.): Statt Psychiatrie, Berlin:
Peter Lehmann Antipsychiatrieverlag 1993, S. 131-136
Bonnie Burstow
Ethischer Kodex feministischer Therapie
Dieser Text ist ein Auszug aus meinem Buch »Radical Feminist
Therapy: Working in the Context of Violence« (»Radikale
feministische Therapie: Arbeit in einer gewalttätigen Gesellschaft«),
Newbury Park/London/Neu Delhi: Sage Publications 1992, S. 47-50
und 264-265. Ich habe es für Therapeutinnen geschrieben,
die versuchen, in ihrer Praxis wirklich im feministischen Sinne
zu handeln. Indem ich die Antipsychiatrie als wesentlichen Bestandteil
des Feminismus erkannte, bildete sich ein ethischer Kodex, der
Antipsychiatrie ausdrücklich einbezieht. Dies ist einer der
ersten Versuche, Therapie in Richtung Antipsychiatrie zu entwickeln.
Das Buch als ganzes fasst systematisch und konkret in Worte, was
Engagement in der Antipsychiatrie-Bewegung für feministische
Praxis bedeutet. Sage Publications, Inc. sei für die Nachdruckerlaubnis
der Passagen herzlich gedankt.
Grundsätze feministischer Therapie
Vielen der ethischen Grundsätze, die humanistisch orientierte
BeraterInnen und MitarbeiterInnen traditioneller Sozialdienste
vertreten, stimmen die meisten feministischen Beraterinnen völlig
zu. Mit einigen jedoch sind sie gar nicht einverstanden. Daneben
gibt es noch Grundsätze, denen wir im Prinzip zustimmen,
die für uns aber noch weiter reichen. Und zusätzlich
gibt es einige uns wichtige ethische Probleme, die BeraterInnen
mit liberaler Weltanschauung gar nicht in Erwägung ziehen,
geschweige denn verstehen. Daher ist es für uns Feministinnen
wichtig, unseren eigenen ethischen Kodex zu entwickeln.
Ethik kann nie eine abgeschlossene Angelegenheit sein, die, einmal entschieden, nicht mehr hinterfragt wird. Wir wissen nicht genug
und können nie genug wissen. Kodizes sind immer unvollständig.
Sie gehen zu weit. Sie gehen nicht weit genug. Sie verzerren.
Sie haben Lücken. Sie sprechen nur solche Probleme an, derer
wir uns bereits bewusst sind. Sie sind notwendigerweise im Denken
der jeweiligen Zeit befangen. Sie spiegeln systembedingte und
persönliche Begrenztheiten wider. Und sie werden immer erst
im Nachhinein entwickelt. Wir können und müssen Beratungsethik
voneinander lernen besonders von den weniger Privilegierten
und besonders von unseren Klientinnen. Gleichzeitig ist die feministische
Beraterin notwendigerweise ihre eigene Ethikerin, ihrem eigenen
Gewissen verpflichtet.
Beginnen wir bei unserer Arbeit. Als Menschen, die sich mit Menschen
in Zeiten befassen, in denen diese am verwundbarsten sind, haben
wir die Verantwortung, ständig die moralische Integrität
unserer Vorgehensweise und unserer Entscheidungen zu hinterfragen:
ungeachtet der Jahre, die wir schon auf diese Weise tätig
gewesen sind, ungeachtet der Zahl der Beraterinnen, die ähnliches
tun, und ungeachtet der Tatsache, dass uns viele angesehene Theoretikerinnen
recht geben. Wenn wir uns infrage zu stellen und zu konfrontieren
wagen, erweitern wir Schritt für Schritt unser Verständnis
der Beratungsethik. Meine eigenen Positionen, wie ich sie derzeit
verstehe, werden im Verlaufe meines Buches deutlich. Im folgenden
stelle ich meinen Standpunkt kurz dar:
- In unserem Umgang mit Klientinnen steht deren Empowerment
(Rückgewinnung ihrer Selbstbestimmung) und deren
allgemeines Wohlbefinden immer an erster Stelle. Diese Verpflichtung
hat Vorrang vor allen anderen Verpflichtungen gegenüber
unserem Arbeitsplatz, unseren KollegInnen oder anderen Parteien,
Vorrang auch vor jedem anderen Beweggrund oder vor unseren eigenen
Spezialinteressen, es sei denn, dass Dritte in ernster
Gefahr sind.
- Jedes Eingreifen in die Freiheit unserer Klientinnen oder
in deren eigene Entscheidungen ist unmoralisch, es sei denn,
dass Dritte in ernster Gefahr sind. Das heißt auch,
aber nicht nur, dass jegliche Zusammenarbeit mit psychiatrischen
Einrichtungen ausgeschlossen ist. Einbeziehung der Psychiatrie
ist etwas, was unter keinen Umständen gerechtfertigt ist.
Ebenso unvereinbar mit unseren ethischen Grundsätzen
ist es, Klientinnen physisch an der Ausführung ihrer eigenen
Entscheidungen zu hindern, wenn wir diese für schädlich
halten. Das schließt auch die Entscheidung zur Selbsttötung
mit ein. Grundsätzlich hat jeder Mensch das Recht, sich
selbst zu verletzen, solange er oder sie es nicht vor unseren
Augen tut oder andere dabei zu Schaden kommen.
- Unser Tun wird unethisch, wenn wir uns auf Handlungsweisen
oder Situationen einlassen oder Bemerkungen dulden, die sexistisch
oder rassistisch sind, die Angehörige anderer gesellschaftlicher
Schichten diskriminieren, sich gegen Lesben oder Schwule richten
oder Angehörige anderer Glaubensrichtungen, Behinderte,
oder Alte beleidigen. Darüber hinaus sind wir verpflichtet,
ein Bewusstsein für die verschiedenen Unterdrückungsmechanismen
in unserer Therapie zu entwickeln. Wir müssen ständig
bestrebt sein, die Gestaltung unserer therapeutischen Ansätze
und Vorgehensweisen weniger an unserem Kulturkreis auszurichten,
d.h. sie sollten weniger männerbezogen, weniger heterozentriert
und weniger leistungsorientiert sein. Wir dürfen uns nicht
ausschließlich von unserem Mittelstandsdenken leiten lassen,
und wir müssen offen für Angehörige anderer Religionen
und weniger jugendfixiert sein.
- Die Gesellschaft muss sicherstellen, dass ausreichend viele
Beratungsangebote in der nötigen Vielfalt zur Verfügung
stehen für die Menschen, die Beratung wollen, und wir müssen
in diesem Sinne wirken. Honorare in einer privaten Praxis sind
wegen der unterschiedlichen wirtschaftlichen Lage der Klientinnen
ein ethisches Problem. Moralische Integrität verlangt hier
a) eine gestaffelte Gebührenordnung, b) dennoch zumindest
eine Klientin kostenlos oder gegen geringe Gebühr anzunehmen,
und c) einverstanden zu sein, dass das Einkommen zumindest etwas
unter dem Einkommen bleibt, wie es in Sozialdiensten üblich
ist. Tauschgeschäfte sind nur dann akzeptabel, wenn sie
die Therapie nicht beeinträchtigen und die Klientin nicht
erniedrigen.
- Beraterinnen haben ein Recht auf einen primären Nutzen,
der direkt aus der Beratung resultiert (z.B. Lohn oder Gebühren,
Freude am Helfen, besseres Verstehen). Alle wesentlichen sekundären
Vergünstigungen (Nutzen, der nicht aus unserer Arbeit resultiert
oder über die finanziellen Abmachungen hinausgeht) begründen
eine Verletzung, im allgemeinen eine Verletzung der Grenzen
zwischen Beraterin und Klientin. Beispiele solcher Verletzungen
sind: sexueller Kontakt mit einer Klientin; die Klientin zu
einer Freundin zu machen; teure oder regelmäßige
Geschenke anzunehmen; die Klientin Botengänge für
uns machen zu lassen; ihr unsere Probleme aufzuladen; sie für
uns auf irgendeine Weise sorgen zu lassen.
- Ein Beratungsverhältnis mit einer Person schließt
jede andere Art von Verhältnis (Freundin, Angestellte oder
Kollegin) zu ihr aus.
- Sexuelle Übergriffe sind in hohem Maße schädlich.
Wir sind dazu verpflichtet, uns nie auf derartige Verhältnisse
einzulassen, BeraterInnen anzuzeigen, die dies tun, und Frauen
zu helfen, etwas gegen die Gefühlskränkungen durch
solche BeraterInnen zu unternehmen. Da nicht all diese Vergehen
von einem Gericht oder der gesamten Beraterschaft anerkannt
werden, zähle ich im folgenden auf, was einen sexuellen
Übergriff darstellt: jede Art von genitalem Kontakt; sinnlicher
oder erotischer Kontakt; unerwünschter Körperkontakt
jeder Art; sexuelle Angebote; sexuelle Bemerkungen; sexuelle
Blicke; sexuelle Koseworte; Nacktheit während der Beratung;
Zurschaustellung der Klientin, unmittelbar oder
auf einem Photo; sexuelle Enthüllungen unsererseits, die
nicht wesentlich sind oder über die Zwecke der Beratung
hinausgehen; Befragungen über das Sexualleben der Klientin,
die unnötig sind oder über die Zwecke der Beratung
hinausgehen; Nachfragen oder Beharren auf Einzelheiten über
einen sexuellen Übergriff, wenn es unnötig ist oder
über die Zwecke der Beratung hinausgeht; Traumatisieren
der Klientin durch dramatische Nachstellungen von früherem
sexuellem Missbrauch; Gebrauch von aggressiven therapeutischen
Mitteln wie Psychodrama, wenn mit Opfern von sexuellem Missbrauch
im Kindesalter gearbeitet wird.
- Es widerspricht unseren ethischen Grundsätzen, eine Klientin
absichtlich zu ängstigen oder zu traumatisieren, sie bewusst
oder aus Nachlässigkeit dazu zu bringen, sich unwohl zu
fühlen, oder mit unserer Arbeitsweise dem ernsthaften Risiko
auszusetzen, dass sie von ihren Gefühlen überflutet
wird.
- Wir haben die Verantwortung, im Therapieverhältnis das
Machtgefälle so klein wie möglich zu halten und kooperativ
zusammenzuarbeiten.
- Es ist in jedem Fall unzulässig, psychiatrisierende Institutionen
einzuschalten oder das medizinische Modell anzuwenden, in welcher
Verfassung sich die Klientin auch immer befinden möge.
- Außer wenn Dritte in ernster Gefahr sind, schulden wir
unserer Klientin uneingeschränkte Vertraulichkeit, selbst
wenn sie suizidal ist und wir über ihren Zustand sehr beunruhigt
sind. Einen Vertrauensbruch stellt dar: über die Klientin
mehr zu erzählen, als für die Zwecke der Supervision,
für eine Konsultation oder eine Überweisung notwendig
ist; mehr über die Klientin zu erzählen, als wir mit
ihr vereinbarten; bei Überweisungen Informationen zu geben
oder einzuholen, von denen wir wissen, dass dies der Klientin
nicht recht ist. Es widerspricht ebenfalls ethischen Grundsätzen,
von der Klientin die Unterzeichnung von Papieren zu erbitten,
die uns das uneingeschränkte Recht geben, Informationen
über sie an Krankenkassen oder bei Überweisungen weiterzugeben.
- Unehrlichkeit und entstellte Darstellungen sind ebenfalls
gegen unsere ethischen Grundsätze gerichtet. Ich nenne
hier einige Beispiele solcher Unehrlichkeiten oder Falschdarstellungen
der Beraterinnen. Es dient meistens eigennützigen
Zwecken, wenn wir der Klientin sagen: a) dass wir wüssten,
dass die Beratung ihr helfen würde; b) dass wir sehr erfahren
auf einem Gebiet seien, wenn dem nicht so ist; c) dass sie sich
eine Therapie leisten könne, wenn sie nur Prioritäten
setze; d) dass sie nur deshalb bei einem Mann bleibt,
der sie misshandelt, weil sie diese Misshandlungen wolle;
e) dass ihr in dieser Welt alle Möglichkeiten offenstünden,
wenn sie nur wolle.
- Wir sind dazu verpflichtet, uns in Supervision zu begeben
oder Rat einzuholen oder die Klientin zu überweisen, wenn
wir merken, dass wir ihr nicht ausreichend helfen können.
Wir haben die Pflicht, ein Ende der Beratung zumindest vorzuschlagen,
wenn wir merken, dass die Weiterführung der Beratung der
Klientin nur noch wenig nützt oder nicht mehr die bestmögliche
Hilfe darstellt.
- Es widerspricht unseren ethischen Grundsätzen, die Klientin
von uns abhängig zu machen. Beispiele für Abhängigkeits-fördernde
Maßnahmen sind: Marathon-Sitzungen, extrem häufige
Sitzungstermine oder Beratungen, die nur aus Tiefenarbeit bestehen.
- Wir sind dazu verpflichtet, die Klientin nicht dazu zu ermuntern,
uns zu idealisieren was einige als positive Übertragung
bezeichnen , sondern dem entgegenzuwirken.
Antipsychiatrische Ausrichtung
Als feministische Therapeutinnen unterliegen wir der besonderen
Verpflichtung, alles was möglich ist zu tun, um uns der Psychiatrie
zu widersetzen und jede Verbindung zu ihr abzubrechen. Jede feministische
Beraterin muss selbst entscheiden, wie sie das am besten leisten
kann. Ich rate auf jeden Fall davon ab, Bequemlichkeit zur Handlungsdirektive
zu machen. Es ist immer einfacher, konventionelle Weisheiten nicht
allzusehr in Frage zu stellen. Damit stören wir fast niemanden,
aber wir erreichen auch nichts.
Meine Empfehlungen bzw. Aufforderungen an andere feministische
Praktikerinnen lauten:
- Erklärt öffentlich eure antipsychiatrische Einstellung.
- Nennt euch nicht »Professionelle für psychische
Gesundheit«. Unser Erbe geht zurück auf die Hexen
und Hebammen, nicht auf die Ärzte, die sich der Macht der
Frauen bemächtigten und sie für verrückt
erklärten. Es ist ein wunderbares Erbe. Lasst es uns zurückfordern!
- Arbeitet nicht in psychiatrischen Einrichtungen oder zusammen
mit PsychiaterInnen.
- Überweist niemanden an PsychiaterInnen oder an andere
Personen oder Einrichtungen, die eine Einweisung in die Psychiatrie
betreiben könnten.
- Arbeitet nicht in sozialen Einrichtungen, die nicht bereit
sind, die Psychiatrie infrage zu stellen.
- Setzt fest entschlossen Antipsychiatrie-Diskussionen auf die
Tagesordnung jeder Organisation oder Einrichtung, die ihr mitplant
oder in der ihr gerade Mitglied seid. Fordert die Menschen heraus,
wann immer sie dieses Konzept verwässern wollen; stellt
die Psychiatrie weiter infrage, auch wenn andere versuchen sollten,
das Thema zu meiden.
- Ermutigt Organisationen, mit denen ihr zu tun habt, dass sie
PsychiaterInnen, die dort tätig sind, durch andere BeraterInnen
ersetzen.
- Fordert sowohl propsychiatrische als auch liberale Positionen
heraus.
- Macht auf psychiatrische Krankheitsbegriffe und -modelle aufmerksam
und kritisiert sie, besonders wenn sie von KollegInnen benutzt
werden.
- Bietet Antipsychiatrieforen an und organisiert Arbeitskreise.
- Setzt euch öffentlich für ein Ende von Zwangseinweisungen
ein.
- Setzt euch gegen die Anwendung von Neuroleptika, Antidepressiva
und Schock-Behandlungen ein.
- Nehmt an Demonstrationen und Protesten der Antipsychiatrie-Bewegung
teil.
- Macht antipsychiatrische Aussagen bei öffentlichen Anhörungen
und schreibt kritische Stellungnahmen zu vorgeschlagenen Psychiatrie-Gesetzen.
Aus dem kanadischen Englisch von Ulrike Stamp
Über die Autorin
Antipsychiatrische Aktivistin aus Kanada, ehemals Mitherausgeberin
der Zeitschrift Phoenix Rising und Mitvorsitzende der Ontario
Coalition to Stop Electroshock. Derzeit Mitglied von Resistance
Against Psychiatry. Früher Lehrtätigkeit als Assistenzprofessorin
für Sozialarbeit an der University of Manitoba in Winnipeg
und der Carleton University in Ottawa. Veröffentlichungen:
Herausgeberin von »Shrink Resistance. The Struggle Against
Psychiatry in Canada«, Vancouver: New Star Books 1988 (gemeinsam
mit Don Weitz); »Radical Feminist Therapy: Working in the
Context of Violence«, Newbury Park, London & Neu Delhi:
Sage Publications 1992 das erste feministische Buch über
Psychotherapie mit eindeutiger antipsychiatrischer Ausrichtung;
u.v.m. (Stand: 1993) Nachtrag: Bonnie Burstow, geboren am 6. März
1945, starb am 4. Januar 2020. Mehr
von Bonnie Burstow im Antipsychiatrieverlag
© 1993 by Peter Lehmann
|
|